DER TAGESSPIEGEL, Berlin, 18.07.2003
Netscape wird vom Netz genommen

Mit Netscape wurde das Internetz groß. Fast hätte das Programm Microsoft in die Knie gezwungen. Aber jetzt hat Gates gesiegt.
von Kurt Sagatz

Wenn ein Amerikaner zu Recht "Erfinder des Internets" genannt werden kann, so ist das Marc Andreessen, nicht Bill Gates. Auch AI Gore scheidet für diese Rolle aus. Lange bevor der Microsoft-Chef Gates die Möglichkeiten des World Wide Webs erkannte, und lange bevor ein Politiker versuchte, den Siegeszug des Netzes für sich zu nutzen, hatte Marc Andreessen den Grundstein für das heute bekannte Internetz gelegt. Denn mit seinem Mosaic-Programm, das kurze Zeit später zum Netscape Navigator mit dem berühmten Steuerrad-Symbol wurde, war das weltweite Netz erstmals grafisch und bunt und konnte fortan multimedial genutzt werden. Bis dahin hatte es nur Texte geliefert. In dieser Woche jedoch wurde Netscape zu Grabe getragen. Der weltweit tätige Internetz-Provider AOL, der Netscape 1998 übernommen hatte, gab am Mittwoch bekannt, die Netscape-Entwicklermannschaft zu entlassen. Eine Weiterentwicklung wird es somit nicht mehr geben. AOL selbst will nun ebenfalls ganz auf die Technologie des Konkurrenten Microsoft mit seinem Internet Explorer setzen.

Lange Jahre war Netscape die unangefochtene Nummer eins, wenn es darum ging, auf welche Weise die weltweiten Internetz-Nutzer ins Web gelangten. Microsoft-Chef Bill Gates hatte dem Internet anfangs nur geringe Chancen gegeben.

Erst als 1995 absehbar wurde, welches Potential im Internet lag krempelte Gates die Strategie des Unternehmens grundlegend um: Seither kommt keine Microsoft-Software mehr ohne Internetz aus. Das ging so weit, daß Microsoft den Computerherstellern und -nutzern vorschreiben wollte, nur noch die eigenen Internetz-Programme einzusetzen. Über Jahre beschäftige der Brauserkrieg zwischen Microsoft und Netscape die Öffentlichkeit und dann auch die Gerichte. Am Ende des Kartellverfahrens gegen Microsoft mußte der Konzern sogar seine Zerschlagung befürchten. Als sich Microsoft und die US-Kartellwächter am Ende einigten - nach einer Entschädigungszahlung von 750 Millionen DolIar an AOL ­ spielte der eigentliche Anlaß für das Verfahren kaum noch eine Rolle. Weit über 80 Prozent der Internetz-Nutzer setzen inzwischen die Microsoft -Software ein, von Netscape war kaum noch die Rede.

Ganz verloren ist die Netscape-Welt, die sich wie Linux immer als Alternative zu den Quasi-Monopolisten von Microsoft verstand, allerdings nicht. Im sogenannten Mozilla-Projekt soll das Internetz-Programm weiter gepflegt werden - mit finanzieller Hilfe von AOL. Der Name Netscape jedoch wird bald nur noch im Technik-Lexikon zu finden sein.


PS: Aufgrund der neuesten Entwicklung wir haben die Sonderregelungen für Netscape 6.x und 7.x aus unseren Dateien und den Dateien in unseren eigenen und Fremd-Domänen entfernt. Der neueste FireFox kann per FTP bei Netscape (ftp-mozilla.netscape.com mit allen Releases) heruntergeladen werden oder im Netscape-Projekt: Mozilla
Oder besorgen Sie sich den neuesten Internet-Explorer in unserer ErstenHilfe oder über Windows-Update.

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