Die Kunst- und Kultur-Mäzene sind deshalb so spärlich, weil sie ihre Spenden nicht absetzen können: »In Deutschland befinde sich der Staat in einem "geradezu höfischen obligo gegenüber der Kultur". Diese "barocke Kunsthoheit des Staates" müsse durchbrochen und auch für Stiftungen und private Mäzene geöffnet werden - bis hin zu steuerabzugsfähigen Spenden für die Finanzierung von Künstlergehältern nach amerikanischem Vorbild« - Recht hat er. Die derzeitige Regelung behindert das Mäzenatentum in Sachen Kunst und Kultur, wenn Kultur aus Spargründen überall gekürzt wird und zu Mäzenatentum aufgerufen wird, müssen zunächst günstige Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Dies geht nur bundesweit.
Institutionen wie das z.B. das Goethe-Institut können nur noch auf Selbsterhaltung arbeiten, Präsentation deutscher Kultur im Ausland fällt flach aus Spargründen. Die Kulturvertretung gegenüber dem Ausland ist zersplittert, jeder in seinem Bereich machtlos. In einer höchst notwendigen Konferenz der europäischen Kulturminister wird kein deutscher Kulturminister dabei sein (wenn Schröder es nicht schafft), es werden aber an die Länderkultusminister dasitzen und sich widersprechen. Der 'Staat der Dichter und Denker' kann nicht provinziell mit konkurrierenden Länderwünschen nach außen vertreten werden. Eine Bündelung der zerstreuten Kompetenzen des Bundes in Sachen Kultur ist dringend nötig. Die kulturelle Selbstdarstellung Deutschlands dürfe nicht durch den Subventionsstop nach der Vereinigung gefährdet werden, sagt Naumann zu Recht. Und: mit dem Regierungsumzug nach Berlin werde eine neue "kulturelle Offensive" nötig sein. Auch dies ist wahr und höchste Zeit.
Deutsche Filme werden in USA nicht synchronisiert, dies beschränkt den Absatz auf deutschsprechende Amerikaner. So wird der deutsche Film niemals konkurrenzfähig. Seine erste Reise nach einem eventuellen Amtsantritt werde nach Hollywood sein, sagt Naumann, um die Absatzmöglichkeiten des deutschen Films in Amerika zu verbessern. Entertainment sei das wichtigste Exportgut Amerikas; nach diesem Vorbild seien auch die Instrumente und Ausbildungsmöglichkeiten im deutschen Film zu optimieren. Recht hat er, und nicht nur was den Film betrifft, sondern die gesamte deutsche Unterhaltungsindustrie, die gegenüber der weltweiten Konkurrenz völlig brachliegt. Kultur ist schließlich ein Wirtschaftszweig.
85% der GEMA-Einnahmen gehen alleine in die USA, weitere 10% an das übrige Europa, in Deutschland bleiben für Bach, Beethoven, Karajan und Hans Werner Henze bis hin zu Grönemeyer und den &'132;Toten Hosen nur 5%. Wer in den USA einen Flopp auf Schallplatte produziert, erhält dafür das Geld für mindestens drei weitere Produktionen allein durch die Regelung, daß 52 Länder die Schallplatten pflichtgemäß kaufen müssen. Wer in Deutschland eine goldene Schallplatte produziert, hat gerade eben mal das Geld für eine weitere. Ein Flopp ruiniert seine Zukunft. Dies ist bisher der Ruin der deutschen Produktionen. Es gibt ja kaum noch eine. Wer in USA einen Flopp auf Schallplatte produziert hat in 52 Länder verkauft und kann damit 3 weitere Schallplatten produzieren.
Ein Holocaust-Denkmal nur in der Mitte Berlins ist laut Michael S. Cullen (Tagesspiegel - und ganz nebenbei: auch Jude) eine "Monopolisierung des Gedenkens", siehe auch seinen Offenen Brief vom 24.7.1998: Laßt den Bundestag entscheiden. Klar, daß Lea Rosh uneinsichtig bleibt, jedoch sind die wachsenden Vorbehalte gegen eine einzige zentrale Gedenkstätte u.a. genau aufgrund dieser ihrer Uneinsichtigkeit entstanden. Ein Holocaust-Mahnmal in Berlin, das nur auf "eine ästhetische Gestaltung der Berliner Mitte" hinauslaufe, aber nicht die Eindruckskraft der authentischen Gedenkorte wie Bergen-Belsen besitze, engt das Gedenken ein, das wird Ignatz Bubis nach einiger Zeit sicherlich auch noch erkennen.
Die CDU/CSU geifert vermutlich nur deshalb, weil Naumann nicht von der Bildzeitung kommt, sondern eben von der "Zeit", vom "Spiegel", von der "Süddeutschen". Es wird höchste Zeit für einen Regierungswechsel, die erstarrte deutsche Kultur braucht dringend Erneuerung. Die Nominierung Naumanns ist ein Geniestreich, Schröder schafft es dadurch, daß sich die Künstler und Kulturschaffenden wie nie zuvor hinter seine Kandidatur stellen.
© Holger Münzer, 23.7.1998