Walser mokiert sich in seiner Rede über das ritualisierte Gedenken, das er meiden und aus dem er in sein individuelles Erinnern fliehen will. Er jongliert mit Begriffen wie "Drohroutine", "Moralkeule", "Instrumentalisierung". Er sagt, damit ausschließlich die Medien gemeint zu haben. Oder zielte er auch - wie Bubis vermutet und es auf einige von Walsers Verteidigern zutrifft - auf politisch-ökonomische Aspekte dieser sogenannten Instrumentalisierung? Schon daß eine solche Interpretation möglich ist und von Walser nie eindeutig dementiert wurde, zeigt, wie naiv, ja fahrlässig es war, die Dinge nebulös zu suggerieren, anstatt sie präzise zu benennen.
Die womöglich sogar bewußte Unbestimmtheit Walsers erklärt die heftige Reaktion von Ignatz Bubis allerdings bloß zum Teil. Hinzu kommt vor allem ein gewandeltes politisches Klima. Der Resonanzboden, auf dem die Erinnerung gewöhnlieh zu ihrem Klang kommt, hat sich seit der Wiedenrereinigung und zuletzt mit dem Regierungswechsel verändert. Die Bundesrepublik heißt nur noch Deutschland, fortwährend wird die "Normalität" beschworen, Bundeskanzler Gerhard Schröder wünscht sich ein Holocaust-Mahnmal, "wo man gerne hingeht", und schlägt in seiner Regierungserklärung - "Weil wir Deutschlands Kraft vertrauen" - Töne an, die in ihrer historischen Unbekümmertheit früher undenkbar gewesen wären. Da keimt der Verdacht, ausgerechnet jene politische Strömung, die jetzt an die Macht gekommen ist und die sich in Sachen Vergangenheitsaufarbeitung für vorbildlich hält, vollzieht den einst von erzkonservativer Seite gepredigten Aufbruch in eine selbstbewußte, geschichtsvergessene "Berliner Republik".
Niemand kann von sich behaupten, eine der Erinnerung angemessene Sprache zu besitzen. Dazu wiegen die Verbrechen zu schwer. Insofern läßt sich Walsers Rede, gutwillig wahrgenommen, auch als das Bemühen bewerten, die Suche nach anderen Formen des Gedenkens durch Provokation zu befruchten.
Das Pathos, mit dem Helmut Kohl gelegentlich Rituale vollzog - Bitburg, Verdun, Neue Wache - hat zur Entleerung solcher Gesten beigetragen. Was Walser anprangert, die Routine, das Normelhafte, das Überzogene, mag viele nicht mehr zufriedenstellen. Aber im öffentlichen Raum ist Gedenken ohne Rituale schlicht unmöglich. Ein Dichter kann für sich privat die persönliche Erinnerung vorziehen, ein Politiker darf das nicht. Denn ein Staat, der auf Rituale verzichtet, degeneriert zum bloßen Apparat.
Die Rede Walsers wurde stehend beklatscht. Ein Gefühl schien angesprochen worden zu sein, das nur noch ausgesprochen werden mußte. Der Kreis derjenigen, die bei Reizworten nicht mehr erschreckt zusammenzucken; sondern befreit aufatmen, ist offenbar größer geworden. Diesen Prozeß haben die neuen politischen Koordinaten zwar nicht verursacht, aber befördert. Daß der Streit über die Walser-Rede derart eskalierte, ist daher sowohl den unmittelbar Beteiligten anzulasten, als auch denen, die für die neue Unbekümmertheit in der Erinnerungskultur verantwortlich sind. Die Politiker müssen ihre Position schleunigst deutlicher bestimmen als bisher. Erst dann wäre ein Vertrauen auf "Deutschlands Kraft" gerechtfertigt.
siehe dazu auch: Martin Walsers Antwort an den israelischen Botschafter