Warum müssen deutsche Intellektuelle, wenn sie ihre frisch angelesene Meinung unters Volk bringen wollen, immer erst ein blutrünstiges Gemetzel unter Kollegen veranstalten? Das mäßig ergiebige Schauspiel, das sich Journalisten, Stadtpolitiker, Historiker und Denkmalschützer in den letzten zwanzig Jahren beim Streit um den Wiederaufbau verlorener Stadt-Markierungen lieferten man denke an Frankfurt, Hildesheim oder Dresden , scheint jetzt beim Berliner Stadtschloß in ein allgemeines Hauen und Stechen überzugehen.
Der Grund für diese unschöne Eskalation ist wohl darin zu suchen, daß sich die Rückkehr des Preußen-Schlosses in die Mitte Berlins allenfalls mit stadträumlichen Überlegungen, aber nicht mit herbeibemühten historischen Argumenten, nationalen Aufbruchgefühlen oder symbolischen Bedeutsamkeiten rechtfertigen läßt. Daß die Deutschen ein Gebäude, das allenfalls für die Politik Preußens repräsentativ war, jetzt als nationales Symbol akzeptieren sollen, ist schon reichlich anmaßend (siehe 6. Spalte). Doch die Dreistigkeit, mit der sich die Betreiber des Wiederaufbaus aus dem stilistisch recht uneinheitlichen Gesamtkomplex des Schlosses eine von allen historischen Brüchen gereinigte, stromlinienglatte Kulisse ohne Inhalt zurechtklittern, provoziert heftigen Widerstand.
Dresden ist anders
Auch der Vergleich mit der Frauenkirche in Dresden stiftet nur fahrlässig Verwirrung. In Dresden wird beim Ausbau der Kirchenruine nicht nur das dramatischste Element der berühmten Elb-Silhouette wieder in den Himmel getrieben und mit künstlerischen Mitteln ein Richtmaß gesetzt für den fälligen Wiederaufbau des umliegenden Altstadtquartiers; mit der Frauenkirche bekommt die Welt auch eine der dynamischsten Raumkreationen des gesamten europäischen Barocks zurück, einen fast gewaltsam in die Höhe stürmenden Kultraum, der seine historische Funktion als Zentrum des sächsischen Protestantismus, als machtvolles Monument des Bürgertums und Wallfahrtsort der Orgelpilger gut mit seinen künftigen Zusatzfunktionen als europäisches Mahnmal, als Ort der Erinnerung und Musikhalle vereinen kann.
In Berlin ist dem Stoßtrupp der Schloß-Erbauer bisher keine einzige Funktion eingefallen, die sich irgendwie auf die historische Bedeutung des Schlosses beziehen ließe. Doch beim Wiederaufbau soll es ja auch gar nicht um Inhalte gehen. Die neuen Diener Preußens geben sich mit der Simulation eines nur noch in Schwarz-Weiß-Photos existierenden Phantoms zufrieden. Sie glauben, daß eine ungefähre Projektion des alten Fassadenrasters auf ein ansonsten modernes Gebäude die Stadt Berlin vor dem ästhetischen Untergang retten könne.
Doch gerade die Fassaden sind immer schon der schwächste Teil des Berliner Schlosses gewesen. In einer Monotonie, die schon die Plattengreuel von Marzahn erahnen läßt, hat Eosander von Göthe die kraftlosen Repetitionen seiner Fensterordnung um das Schloß herumgetrieben; die drei extrem hohen Hauptgeschosse zeigen kaum Varianten, das niedrige vierte Geschoß sitzt seltsam unbeholfen oben drauf. Schlaffer kann man ein 24 Meter hohes, 170 Meter langes Gebäude kaum strukturieren. Jede süddeutsche Zwergresidenz hat sich kraftvollere Formen geleistet. Und an die hauseigene Konkurrenz, an Knobelsdorffs herrlich inspiriertes Potsdamer Stadtschloß, darf man hier gar nicht erst denken.
Erträglich werden die Lochfassaden nur durch die in schönem Rhythmus eingefügten, alle Stockwerke übergreifenden Portale. Doch gerade diese Portale mit ihren prächtigen Skulpturen deuten die Probleme an, die eine Rekonstruktion (wie ehedem in der Münchner Residenz oder jetzt bei der Frauenkirche in Dresden) in Berlin so schwierig machen.
Der Berliner Barock ist, sehr viel deutlicher als etwa der süddeutsche Barock, von skulpturalen Kräften und Vorstellungen geprägt. In allen Publikationen über das Schloß werden die Architekten und die Bildhauer, die den einzelnen Raumfolgen ihren Charakter gegeben haben, ausführlich gewürdigt, die Deckenmaler und Stukkateure aber kaum je erwähnt. Das zeigt schon, wo hier die Gewichte liegen. Die künstlerisch bedeutendsten Schöpfungen im Schloß waren denn auch die Tordurchfahrten und Treppenhäuser des Bildhauer-Architekten Andreas Schlüter, die den Tiefenraum mit grandiosen architektonischen Gesten aufschlossen und mit prallem skulpturalem Leben füllten, sowie die großen frühklassizistischen Raumkunstwerke, die Karl von Gontard, Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff und Carl Gotthard Langhans in Zusammenarbeit mit Johann Gottfried Schadow schufen.
All diese Raumkreationen hatten Weltrang, waren dem öden Geknatter des Außenbaus weit überlegen. Mit seiner Innenarchitektur konnte das Berliner Schloß im Konzert der europäischen Kunstmetropolen also sehr wohl mitspielen. Doch wenn es jetzt zu einem Wiederaufbau kommt, wird keines dieser bildnerischen Gesamtkunstwerke wiedererstehen. Man kann wie etwa in München bewiesen wurde zwar Fresken und Stuck-Ornamente mit Hilfe von Photos einigermaßen glaubwürdig in rekonstruierte Gewölbe projizieren, doch Raumkompositionen, die von den ausladenden Gesten der omnipräsenten Skulpturen leben, lassen sich aus zweidimensionalem Bildmaterial nur schwer errechnen; die Ergebnisse bleiben unbefriedigend.
Die neuen Schloß-Herren haben denn auch weise auf alle Raumrekonstruktionen verzichtet und sich ganz auf die Anmutung der äußeren Hülle beschränkt, deren Heilkraft sie mit bewegenden Worten umschreiben. Doch eine alles umschließende barocke Haut hat es nie gegeben. In den Lobliedern auf das Schloß wird hartnäckig verschwiegen, daß das barocke Rechteck baulich und stilistisch keineswegs einheitlich geschlossen war, sondern in Richtung Spree recht seltsame Wucherungen aufwies.
Aus der Luft oder im Modell sah der Schloßkomplex so aus, als habe ein Tier, das in einen viel zu engen rechteckigen Käfig eingesperrt ist, in seiner physischen Not riesige Häufen durch die Gitterstäbe in Richtung Spree hinausgedrückt. Tatsächlich ragten dort die Reste der mittelalterlichen Burg und des Renaissance-Schlosses mit dem frech in Richtung Dom ausscherenden Apothekenflügel als pittoreske Baugruppe in die Höhe. Es wäre wenig sinnvoll, dieses recht zufällig wirkende Neben- und Ineinander von Altbauten verschiedener Jahrhunderte mit allen Brüchen zu rekonstruieren; doch ohne diese historische Urzelle fehlt dem barocken Rechteck ein ganzer Flügel. Eine Außenwand des großen Vierecks müßte beim Wiederaufbau völlig neu umschrieben, mit einer historischen Fassade verkleidet, also in allen Details gefälscht werden.
Wenn es überhaupt überzeugende Argumente für eine ungefähre Wiederbeschwörung des Schloß-Umrisses gibt, dann sind es stadträumliche Überlegungen. Das barocke Schloßgeviert folgte in seinen Fluchtlinien noch dem Straßenraster der jenseits der Spree gelegenen Berliner Altstadt, schob sich also, mit der Ecke voran, wirkungsvoll diagonal in die rechtwinklige Straßenordnung der planmäßig angelegten Friedrichstadt hinein. Diese Schrägstellung verschaffte dem Schloß einen höchst wirkungsvollen Auftritt im Gefüge der Stadt. Die Prachtstraße Unter den Linden, die selbst wieder das Endstück einer langen Achse ist, zielte mit ihrer Mittelachse exakt auf das Schlüter-Tor des Schlosses. So war denn auch der Blick von den Linden über die Schloßbrücke auf die schräggestellte Schloßfront eine der eindrucksvollsten Ansichten der ganzen Stadt.
Wenn es der neupreußischen Schloß-Maurer-Loge also nur um den Kulissen-Effekt ginge, wie er ja schon einmal mit den gemalten Fassaden der Westecke beschworen wurde, dann könnte man ihr zurufen: Baut sie schleunigst wieder auf, Eure Attrappe in Beton, ür alle Zeiten; doch behauptet bitte nicht, daß ein beliebiges Büro- und Ladengebäude an dieser Stelle durch eine herumlaufende historistische Tapete zum Berliner Schloß werde und die Wunden der deutschen Hauptstadt ästhetisch und symbolisch heilen könne. Schon an der Südecke, wo früher Bürgerhäuser standen, jetzt aber der kalte Riegel des DDR-Staatsratsgebäudes quersteht, würde die nachgeformte Fassade ihre Glaubwürdigkeit einbüßen. Im Osten aber, an der Spree, wo es gar kein Gegenüber mehr gibt, müßte nach dem Abriß des Palasts der Republik ein ganzer Trakt neu erfunden, eine Schloß-Prothese erst konstruiert werden.
Darum hier die trotzige Gegenfrage: Warum baut man nicht erst einmal das Stadtschloß von Potsdam wieder auf? Es ließe sich als geschlossenes, stilistisch einheitliches Geviert auf der leergeräumten Fläche leicht rekonstruieren und würde dem Landtag von Brandenburg als Nachfolger der preußischen Monarchie ein historisch sinnvolles, würdiges Gehäuse, dem gräßlich fragmentierten Stadtzentrum an der Havel aber seine verlorene Mitte zurückgeben.
Vielleicht fällt dann sogar endlich einem ein, wozu das Schloß in Berlin gut sein könnte und was man in seine sechs Meter hohen Geschosse hineinpacken kann außer McDonalds, Schlecker und Beate Uhse.
GOTTFRIED KNAPP
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