Gerz zieht Entwurf zum Mahnmal zurück
Berliner Zeitung vom 28.7.1998
Bubis: "Unwürdige Debatte"
Der Konzeptkünstler Jochen Gerz hat seinen Entwurf zum Holocaust-Mahnmal in Berlin zurückgezogen. Die Diskussion der letzten Monate habe dazu geführt, daß es heute keinen öffentlichen Auftrag mehr für ein solches Mahnmal gebe, begründete Gerz seinen Entschluß. Für alle, die sich seit Jahren um die künstlerische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bemühten, sei dies eine "traumatische Zeit" gewesen. Als Auslöser für den seit längerem erwogenen Schritt nannte Gerz die ablehnende Haltung führender SPD-Politiker zum Denkmal. Es gebe einen "Konsens von Intellektuellen und Politikern" für einen momentanen Verzicht, hinter dem man die Mehrheit der Bevölkerung vermuten dürfe. Eine solche Haltung müsse vor allem im Ausland ein seltsames Gefühl vermitteln.
Gerz hatte für den Ort in der Nähe des Brandenburger Tores 39 Stahlmasten mit der Inschrift "Warum?" in allen Sprachen der während der NS-Zeit verfolgten und ermordeten Juden vorgeschlagen. In einem "Raum der Erinnerung" sollten die Besucher ihre Antworten aufschreiben, die später auszugsweise auf eine Stahlplatte übertragen worden wären. Dieser Entwurf gehörte zu den vier Arbeiten, die in die Endauswahl des Wettbewerbs für das Holocaust-Mahnmal gekommen waren. Anfang Juni hatte bereits der amerikanische Bildhauer Richard Serra mitgeteilt, sich nicht länger an dem ursprünglich zusammen mit dem Architekten Peter Eisenman erarbeiteten Mahnmal-Modell beteiligen zu wollen.
Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, hat ein Ende der Debatte um das Mahnmal gefordert. Diese Diskussion sei "unwürdig" und erinnere ihn an die Debatte um das Ladenschlußgesetz. Man müsse sich jetzt entscheiden, ob man das Denkmal überhaupt wolle.
(ku.)
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