Als ausgemacht gilt, daß Helmut Kohl ein Machtwort für die Errichtung des Mahnmals sprechen wird. Seitdem diese Mutmaßung dank einschlägiger Äußerungen des Kanzlers zur Gewißheit wurde, ist machner, der anfangs zu den vehementen Befürwortern des Mahnmals gehörte, in das Lager jener gewechselt, die das Projekt ablehnen.
Ein derartiger Frontenwechsel berührt immer merkwürdig und wirft die Frage nach den Motiven auf, die dafür den Ausschlag gaben. Nicht minder merkwürdig sind andererseits aber auch die Motive jener, die jetzt auf eine rasche Entscheidung drängen. Ihr Argument ist denkbar platt, denn es lautet schlicht: Einmal müsse Schluß sein mit der leidigen Diskussion, und wenn der Mahnmalkrampf noch länger anhalte, dann füge dies dem Ansehen Deutschlands in der Welt unermeßlichen Schaden zu. Warum aber sollte der aus fortdauernder und durchaus redlicher Unentschiedenheit möglicherweise erwachsende Schaden größer sein als jener, der durch die Verbrechen angerichtet wurde, an die das Mahnmal erinnern soll? Es spricht im Gegenteil einiges dafür, daß jener Schaden sich erst recht dann einstellte, wenn jetzt auf Geheiß des Kanzlers mit dem Bau des Monuments begonnen werden sollte.
Tatsächlich mehren sich die Anzeichen dafür, daß das Mahnmal unterdessen bereits seinen eigentlichen Sinn verloren hat. Wenn jetzt ein Kanzlermachtwort dessen Errichtung bestimmte würde, so wie sich der Streit zugespitzt hat, vor allem ein Machtkampf entschieden. Bei diesem Kampf geht es indes vorrangig um Interessen, die mit dem Gedenken an die Opfer, das mit dem Mahnmal ausgedrückt werden soll, eher weniger zu tun haben, als vielmehr it Prestigerücksichten, die vor allem auf Seiten der Befürworter auszumachen sind. Dafür spricht zunächst einmal, daß die Skeptiker oder Gegner des Mahnmals sich nicht zum Zwecke seiner Verhinderung organlsiert haben. Daraus erklärt sich, daB sie sich mit vielfältig differenzierten und bisweilen einander widersprechenden Argumenten vernehmen lassen, während andererseits die Befürworter des Mahnmals, die sichtlich Mühe haben, ebenso differenziert darauf zu antworten, sich in ihrer wachsenden argumentativen Not immer häufiger zu polemischen Ausfällen versteigen, die ihrem Vorhaben einen Bärendienst erweisen.
Ein Beispiel dafür ist, daß der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, einen der frühesten und sachkundigsten Kritiker des MahnmaLprojekts,; den Historiker Reinhart Koselleck, unlängst als Halb-Intellektuellen" verunglimpfte. Daß diese Äußerung weithin mit Schweigen quittiert wurde, macht zum weiteren deutlich, wie sehr in dieser Debatte mit falschen Rücksichtnahmen gestritten wird. Ein weiterer Beleg dafür ist ferner, was Lea Rosh, die Vorsitzende des Fördervereins zur Errichtung des Holocaust-Mahnmals, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte (siehe SZ vom 29. Juli 1998). Auf Michael Naumann, den designierten Kulturminister in einem Kabinett Schröder angesprochen, der sich gegen die Errichtung des Mahnmals ausgesprochen hatte, bemerkte Lea Rosh hier: "Ich hoffe, daß sich nicht noch mehr Leute wie er auf Kosten der Toten zu profilieren suchen, das ist ein ungeeignetes Thema". Nein, dieses Monopol wird sich hierzulande niemand unterstehen, ihr streitig zu machen.
Mit seiner Ankündigung, im August über das Mahnmal entscheiden zu wollen ist Helmut Kohl seinem symbolpolitischen Konzept treu geblieben. Er verfolgt damit die Absicht, die historischen Wunden zu schließen, an denen das unter seiner Ägide wiedervereinigte Deutschland noch immer leidet. Das ist nicht immer verstanden und oft genug belächelt worden, zumal es häufig allzu ostentativ in Szene gesetzt wurde: bei der Kranzniederlegung in Bitburg; bei seinem Auftritt mit Mitterrand auf dem Schlachtfeld von Verdun, als beide Staatsmänner sich an den Händen hielten und der greise Ernst Jünger als Dritter im Bunde die Symbolik dieser Geste beglaubigte; oder bei der Beisetzung der Gebeine Friedrichs des Großen auf der Schloßterasse von Sanssouci. All diese Inszenierungen, an die sich der Zeitgenosse spontan erinnert, gehören zu diesem Konzept.
Die Reihe dieser Beispiele muß ergänzt werden um das Deutsche Historische Museum und die Ausgestaltung der Neuen Wache in Berlin, die beide allein vom Kanzler gewollt und durchgesetzt wurden. Und in diese Reihe historisch-symbolischer Setzungen gehört auch das Berliner Holocaustmahnmal.
Der immer quälendere Prozeß einer Entscheidungsfindung in dieser symbolpolitischen Frage allerersten Ranges hat unterdessen aber auch den Kanzler in eine Zwickmühle gebracht. Er könnte ihr nur entrinnen, wenn er sich dazu durchränge, diese Entscheidung dem Votum des im Herbst neugewählten Bundestags zu überlassen. Das wäre keine Ausflucht, sondern entspräche vielmehr den Gepflogenheiten einer repräsentativen Demokratie, die bei Entscheidungen von solcher moralischen Tragweite gehalten ist, das gesamte Volk in die Verantwortung zu nehmen.
Johannes Willms