Manche Menschen können Ungeheuerlichkeiten unheimlich sachlich aussprechen. Die Kunstgeschichtlerin zum Beispiel, die bei ihrer Führung durch das Jüdische Museum irgendwann diesen Satz fallen lässt: "Mit diesem Gebäude hat Daniel Libeskind Arnold Schönbergs Oper ,Moses und Aron' zu Ende komponiert." Sie sagt das, als würden Architekten überall auf der Welt ständig Musiktheaterfragmente vollenden. Während die abgebrühte Kunsthistorikerin zum nächsten Punkt ihrer Erläuterungen schwenkt, dröhnen ihre Worte noch in meinen Ohren. Sprachlos schweift der Blick durch die klingenden Räume.
Wie war das doch gleich mit Schönbergs Oper? 1930 hat er das altestamentarische Thema in Berlin angepackt. Der Entstehungsort interessierte Libeskind: Von Schönbergs damaliger Wohnung zog er eine Linie, so wie auch von den Adressen anderer Berliner Juden, die sich im imaginären Gitternetz des Museums-Grundrisses treffen. Zwei Jahre arbeitete der Komponist an der Vertonung, aber nach Vollendung des zweiten Akts blieb er stecken, wusste nicht mehr weiter. Bis zu seinem Tod 1951 hat er immer wieder versucht, das Finale seines selbstgeschrieben Librettos zu Komponieren - vergeblich. Das hat nun also Libeskind für ihn erledigt.
1946 in Lodz geboren, galt Libeskind als musikalisches Wunderkind, nach der Ausreise seiner Familie nach Israel trat er in Konzerten auf, bevor er sich für die Architektur entschied und tanzende, sprechende, singende Bauten entwarf, die begehbare Skulpturen sind und dreidimensionale Gedichte über die Zeit. Wenn einer mit Architektur Opern zuende komponieren kann, dann wohl er. Oder?
Das Schweigen der Geigen
"Oh Wort, du Wort das mir fehlt!", ruft Moses bei Schönberg am Ende des zweiten Akts verzweifelt aus - und da versagen dem Komponisten die Töne. Immer leiser werden die Geigen, der als Letzte noch den Protagonisten begleiteten, langsam verschwindet die Musik im Unhörbaren. Der Rest ist Schweigen. Oder Theater: Irgendwann in den vierziger Jahren erklärte sich Schönberg schließlich mit der Aufführung des Fragments einverstanden. Entweder solle der letzte Akt als Schauspiel aufgeführt werden oder man lasse das Stück einfach mit der Partitur abbrechen. Für Letzteres hat sich die Deutsche Oper entschieden, wo "Moses und Aron" heute Abend herauskommt.
Der Grundkonflikt des Werks ist der Kampf zwischen Wort und Bild, zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten, zwischen Moses' Gesetzestafeln und Arons Goldenem Kalb. Und damit auch zwischen dem wortdominierten Judentum und dem bildersüchtigen Christentum. Da liegt für Libeskind die Verbindung zum Jüdischen Museum. Als Moses mit den Gesetzestafeln vom Berg herabsteigt und sein Volk um das Götzenbild tanzen sieht, gerät er in Wut, streitet mit dem Bruder, der sich verteidigt: "In Bildern sollte ich reden, wo du in Begriffen / zum Herzen, wo du zum Hirn sprichst." Der Literaturwissenschafter Hans Mayer hat für Aron geworben: In seinem Pragmatismus verrät er Moses Wortlehre nie, aber er versucht, den Gedanken allgemeinverständlich umzusetzen: So gut wie möglich, aber auch so unrein wie nötig.
Das machte es Schönberg so schwer, zu einem eindeutigen Schluss zu kommen. Er schrieb einen weiteren grossen Dialog zwischen Moses und dem in Ketten gelegten Aron, an dessen Ende Moses seinen Bruder frei lässt: "Wenn er es vermag, so lebe er." Aron steht auf und fällt sofort tot um.
"Es war klar, dass Schönberg am Ende zu zeigen versuchte, dass Moses sogar in der Wüste siegreich und mit Gott vereinigt sein würde", schreibt Libeskind in dem Aufsatz "Between the lines": "Die gesamte musikalische Struktur war ins Stocken geraten, so dass keine Möglichkeit mehr gegeben war, in der Form der Oper fortzufahren". Also wählte Libeskind die Form der Architektur. Und weil er genauso mehrdimensional denkt wie er baut, kam eine Synthese der beiden für Schönberg musikalisch unvereinbaren Glaubensperspektiven heraus.
Libeskinds Jüdisches Museum, das kein Mahnmal sein will, verschafft der Oper ein versöhnliches Ende, denn der bildmächtige wortgewaltige Architekt empfindet sichtbar Sympathie für beide Brüder. Wenn man will, kann man ihnen in den Räumen begegnen: Aron, dem geistigen Bruder der Katholiken, dem Urahn der Marienbildnismaler und Vorfahr der Passionsfestspieldarsteller, entspricht in Libeskinds Gebäude die Blitz-Form des Baus, die gezackte Linie der Geschichte. Sie zeichnet optisch das Auf und Ab seines Tenor-Gesangs nach. Moses dagegen singt nicht bei Schönberg, er deklamiert, in rhythmisch genau definiertem Sprechgesang. Ihm entspricht im Jüdischen Museum die von aussen unsichtbare Gerade der "Voids", der Leerstellen, die sich konsequent durch das Gebäude zieht.
Versöhnung ungleicher Brüder
Aus dem weiß getünchten "Aron"-Bereich kann man durch Fenster in den schwarz gestrichenen "Moses"-Bereich der Voids schauen. Aber nicht umgekehrt. Aus der Bilderwelt sind Blicke in die Gedankenwelt möglich - das Hirn aber, in dem Verlorenes gespeichert ist, bleibt abgeschottet - so wie sich auch Moses weigert, den Geist Gottes in Bilder zu übertragen. Anders als oft in der Oper gezeigt, entscheidet sich Schönberg nicht dafür, einen der Brüder als Sieger darzustellen. Beide sind erleuchtet worden, um zu dienen: Moses als Prophet des reinen Gedankens und des bildlosen Gottes, Aron aber als "Mund der Unmündigen" (Mayer).
Auch bei Libeskind existieren parallele Wege der Wahrheitsfindung: Man kann sein Jüdisches Museum als Ideenkonstrukt lesen, es in seinen Aufsätzen durchwandern, man kann aber auch mit Hilfe der Aron-Nachfahren, der Übersetzer, der Fremdenführer, das Gedanken-Gebäude an der Lindenstrasse entdecken. Und man kann, ganz ohne Erläuterungen, ganz ohne Wissen um den intellektuellen Überbau das Jüdische Museum beim Wandeln durch die Räume in sich aufnehmen. Hier liegt der Berührungspunkt zur Musik, die sich - im Idealfall - auch dem Nichtkundigen emotional erschließt.
Libeskind ist Schönberg aber auch im Handwerk nahe: Beide sind Dekonstruktivisten, beide haben alle Regeln des traditionellen (Ton-Satz-)Baus abgelegt und arbeiten doch mit dem bekannten Material, mit den Tönen, die einst den Regeln der Harmonie-Grammatik folgten, mit den Steinen, die einst zu rechten Winkeln gefügt wurden.
Vielleicht hat Daniel Libeskind mit dem Jüdischen Museum tatsächlich "Moses und Aron" vollendet. Doch gleichzeitig hat auch er selber etwas unfertig Fertiges geschaffen. Damit müssen sich nun die Betreiber des genialen Gebäudes plagen, wenn sie diesen architektonischen Musiktheaterkörper zum Ausstellungsraum machen wollen. Die Inszenierung der Schönberg-Oper gehört zum Schwierigsten, was sich ein Regisseur vornehmen kann. Die "Bespielung" der Bauskulptur des Jüdischen Museum aber wird eine noch grössere Herausforderung: Oh Raum, du Raum der mir fehlt!
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