Die preußische Königskrone wurde durch Schacher und List erworben. Dagegen ist wenig einzuwenden, zumal ihr Erwerb gar nicht anders zu bewerkstelligen gewesen wäre: Die Kaiser des alten Reichs wachten nämlich eifersüchtig darüber, daß auf die Einmaligkeit ihres Rangs und ihrer Würde nicht der Schatten eines möglichen Konkurrenten fiel. Der Traum von der preußischen Königswürde wurde schon vom Großen Kurfürsten geträumt, doch erst für seinen Nachfolger, Kurfürst Friedrich III., wurde er wahr.
Ausschlaggebend dafür war eine komplizierte europäische Mächtekonstellation: Das spanische Königshaus drohte im Mannesstamm zu erlöschen. Diese Aussicht weckte die Begehrlichkeit der europäischen Großmächte Frankreich, Großbritannien und Holland, die am 25. März 1700 einen Bündnisvertrag über die Aufteilung der spanischen Lande schloßen. Österreich, das diese Absichten im eigenen Interesse durchkreuzen mußte, rüstete zum unvermeidlichen Kampf, für den es die Unterstützung Preußens brauchte. In Wien ist man höchstwahrscheinlich glücklich darüber gewesen, daß sich die Hilfe Preußens mit dem Versprechen einer Königskrone erkaufen ließ. Was diese Entscheidung noch wesentlich erleichtert haben dürfte, war der Umstand, daß Friedrich III. mit Rücksicht auf die bekannten Empfindlichkeiten des Kaisers bereit war, die neue preußische Königswürde nicht auf seine Reichslande, in denen er Kurfürst war sie machten rund ein Drittel des preußischen Territoriums aus , sondern nur auf sein nicht zum Reich gehörendes Herzogtum Preußen (das ehemalige Ordensland Ostpreußen) auszudehnen.
Als sich Kurfürst Friedrich III. am 18. Januar 1701 als Friedrich I. in Königsberg mit kostspieligem Pomp zum ersten König in Preußen so sein offizieller, mit Rücksicht auf die preußischen Teile Polens gewählter Titel krönte, war diese Würde zunächst nur Schall und Wahn; erst seine beiden Nachfolger, Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, und vor allem Friedrich II., konnten den für den Fortbestand des Reichs gefährlichen Anspruch einlösen. Der Soldatenkönig beschied sich noch damit, den König zu geben; er unterstrich seine neuerworbene Würde dadurch, daß er beispielsweise die Berliner Residenz mit dem Zeughaus, der Langen Brücke, dem Denkmal des Großen Kurfürsten und dem Königlichen Schloß schmückte, welches er, gemessen an den stets beengten preußischen Verhältnissen, verschwenderisch einrichten ließ. Vielleicht aus diesem Grund oder auch deshalb, weil Friedrich I. allzu stark vom Selbstbild der preußischen Herrscher abwich, war das Berliner Schloß bei keinem seiner Nachfolger als Wohnsitz sonderlich beliebt.
Später, innerhalb der gemeinsamen deutschen Geschichte, war das Stadtschloß nur zweimal Schauplatz bedeutender Ereignisse: Im Jahr 1848 wurden im Schloßhof die Märzgefallen aufgebahrt, und im November 1918 rief Karl Liebknecht vor dem Berliner Schloß die Freie sozialistische Republik aus. Ob diese beiden Ereignisse indes ausreichen, die so heftig beschworene nationalsymbolische Bedeutung des verschwundenen Bauwerks zu rechtfertigen, darf bezweifelt werden.
JOHANNES WILLMS
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