"Ein Traum ist in Erfüllung gegangen"
Daimler-Chef Edzard Reuter ist Berlins 106. Ehrenbürger
Berliner Zeitung, Nummer 117, Freitag, 22 Mai 1998
vonChristine Richter
Der frühere Daimler-Benz-Chef ist am Mittwoch zum 106. Ehrenbürger seiner Heimatstadt Berlin ernannt worden. In der Feierstunde im Roten Rathaus würdigte der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) den 70jährigen Manager als "Mahner und Visionär". Diepgen erinnerte vor allem an Reuters Einsatz für die Ansiedlung von Debis am Potsdamer Platz. Diese Entscheldung fiel nämlich vor der Wende und nicht erst, als der Potsdamez Platz wieder ins Zentrum der vereinigten Stadt gerückt war.
In einer bewegenden Rede dankte Reuter, der bislang keine Auszeichnungen angenommen hat, für die hohe Würde: "Ein Traum ist in Erfüllung gegangen." Er fühle sich seiner seiner Heimatstadt Berlin "nicht nur verbunden, sondern verpflichtet". Dies werde bis zu seinem letzten Atemzug so bleiben, sagte der Sohn des früheren Berliner Oberbürgermeisters Ernst Reuter (SPD). Für ihn ist Berlin die Stadt, in der "wie in einem Brennglas" die Folgen des weltweiten Umbruchs aufeinandertreffen. Es gebe sicherlich viele Probleme wie die hohe Arbeitslosigkeit, sagte Reuter, aber Berlin stehe vor einer "begeisternden Zukunft": "Erinnern wir uns eigentlich nicht mehr an den Zustandder S-Bahn, das Aussehen der Bahnhöfe vor zehn Jahren?" Und: "Gibt es jemanden, der sich angesichts der herunterfallenden Balkone, der verrotteten Hinterhöfe und Treppenaufgänge, der traurigen Wohnungen vorstellen konnte, daß der Prenzlauer Berg, daß das Scheunenviertel so schnell begeisternde Beispiele einer Wiederbelebung kennenlernen sollten?" Reuter, der in Stuttgart lebt, machte aus seiner Zuneigung zu den Berlinern keinen Hehl. Dies sei ein Menschenschlag, der es zwar besser und mitleidloser als andere verstehe zu meckern und zu mäkeln, der aber besonders "lebendig, wach und aufmerksam" sei. Die Hauptstadt Berlin werde sich deshalb auch zu einem Zentrum der Kreativität entwickeln.
Reuter dankte zum Schluß "voller, Stolz und in Demut" für die Auszeichnung, mit seinen Worten bewegte er die Zuhörer sichtlich. Mit langem Applaus feierten Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäkker, Diepgen, Mitglieder des Senats, Ex-Bürgermeister Walter Momper (SPD), IHK-Geschäftsführer Thomas Hertz, Film-Unternehmer Arthur Brauner, Bau-Chef Klaus Groth und víele Abgeordnete den neuen Ehrenbürger Berlins. Da traf es sich gut, daß am gleichen Tag die Vereinbarung über die Brunnenanlage am Ernst-Reuter-Platz zustande gekommen war. Senat und Wasserbetriebe teilen sich nun die Sanierungskosten in Höhe von drei Millionen Mark, ab Spätsommer soll der Brunnen wieder sprudeln. Reuter hatte angesichts des trostlosen Zustands der Anlage dem Senat im vergangenen Jahr öffentlich die Leviten gelesen.
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