SZ: Seit über zehn Jahren kämpfen Sie für das Holocaust-Mahnmal in Berlin, glauben Sie, daß es je gebaut wird?
Rosh: Wenn Helmut Kohl wieder Bundeskanzler werden sollte, ja. Wenn Gerhard Schröder es werden sollte, hat er über Michael Naumann sagen lassen, wohl eher nicht. Letzteres wird aber nicht so ganz einfach werden, denn zum einen schaut man im Ausland sehr genau auf diese Diskussion und ihr Ergebnis. Zum anderen muß man Schröder an seine eigenen Worte erinnern von 1994, als er bei der Einweihung eines zur Erinnerung an die aus Hannover deportierten Juden eine eindrucksvolle Rede gehalten hat, wie wichtig ein solches Denkmal ist, und daß wir die Opfer ehren müssen. Das wäre schon bemerkenswert, wenn er das selber jetzt ad absurdum führen würde. Da reicht auch nicht die Ausrede, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas sei etwas anderes. Ich werde bei Gelegenheit daraus zitieren.
SZ: Naumann sagt, keiner seiner jüdischen Freunde in den USA befürworte das Mahnmal.
Rosh: Wir haben Briefe mit ganz anderen Auskünften. Wir wissen doch, ein Gutachten erzeugt immer ein Gegengutachten. So einen Unsinn kann eigentlich nur jemand behaupten, der Eisenman in die Nähe von Speer rückt. Ich hoffe, daß sich nicht noch mehr Leute wie er auf Kosten der Toten zu profilieren versuchen, das ist ein ungeeignetes Thema.
SZ: Der Bundeskanzler hat den überarbeiteten Eisenman-Entwurf am Wochenende gesehen, wie hat er reagiert?
Rosh: Das weiß ich nicht. Aber es ist ja nicht nur der Eisenman-Entwurf, der noch im Wettbewerb ist, sondern auch die beiden anderen Entwürfe von Weinmiller und Libeskind.
SZ: Jochen Gerz scheidet jetzt aus.
Rosh: Das ist bedauerlich, aber nachvollziehbar. Dies sollte ein Signal für Diepgen, Naumann und Schröder sein.
SZ: Was sagen Sie zu dem überarbeiteten Entwurf von Eisenman?
Rosh: Ich finde den Entwurf gut. Er entfernt sich von dem ersten nicht so weit, daß man sagen müßte, Eisenman gebe seinen Entwurf auf. Er hat die 4700 Stelen auf 2700 verkleinert, er hat Baumgruppen an den Rand gesetzt, ohne die Einsicht von der Straße abzuschotten. Er hat die Wellenbewegung von Serra beibehalten und eine Vorfahrtmöglichkeit für Besucherbusse vorgesehen. Der Förderkreis kann mit diesem Entwurf sehr gut leben.
SZ: Der Berliner Senat will sich nicht vor Ende der Sommerpause mit dem Thema befassen, das wird knapp, wenn man im Januar nächsten Jahres mit dem Bau beginnen will.
Rosh: Ich habe die Information erhalten, daß spätestens Ende August die Senatssitzung stattfinden wird, in der der Senat sich dazu äußern wird, also am 18. August. Unmittelbar danach könnte das Auslobergespräch stattfinden. Wir wissen, daß die SPD-Senatoren nicht nur die Idee des Denkmals bejahen, sondern sie stehen auch zu dem Entwurf von Eisenman, den sie sich angeschaut haben. Auch in der CDU gibt es einige Leute, die dazu stehen. Also dann wäre eine Mehrheit dafür und Eberhard Diepgen mit anderen Gegnern in der Minderheit.
SZ: Im Sommer 1995 ist die Diskussion fünf Monate wegen der Berliner Landtagswahlen ausgesetzt worden. Sollte die Entscheidung nicht bis nach den Bundestagswahlen verschoben werden?
Rosh: Wir reden seit Jahren darüber, wir hatten Kolloquien und eine zweite Wettbewerbsstufe. Die Entscheidung ist doch überfällig. Eberhard Diepgen kann ja sagen, er sei dagegen, und er wolle keine Stadt der Reue, was eine merkwürdige Geschichtsauffassung ist. Jetzt muß man sich klar bekennen: ja oder nein.
SZ: Noch vor den Wahlen?
Rosh: Vor den Wahlen, wir warten auf das Auslobergespräch schon seit März.
SZ: Ein großer Teil der Deutschen, wenn nicht die Mehrzahl, scheint dagegen zu sein, selbst Erstunterzeichner Ihres Appells wie Günter Grass und Walter Jens sprechen sich nun dagegen aus.
Rosh: Die Argumentation ist erstaunlich. Günter Grass hat jetzt offensichtlich nicht mehr gewußt, daß es nur für die Juden sein soll, obwohl er das in unserem Aufruf unterschrieben hat. Walter Jens wußte auch schon, daß Sachsenhausen vor den Toren Berlins liegt, als wir ihn zum Vorsitzenden der ersten Jury gewählt hatten. Sein zweiter Einwand, daß das Gelände zu groß sei, auch das hat er von Anfang an gewußt. Ebensowenig kann ich mir erklären, warum Jens jetzt sagt, Kohl wolle selbstherrlich entscheiden. Wir sind als Förderkreis ebenso wie der Senat doch Mitauslober. Nur Diepgen blockiert eine Entscheidung, nicht Kohl. Kohl will ja, er will nur nicht gegen oder ohne den Senat.
SZ: Die favorisierten Entwürfe beider Wettbewerbsdurchgänge stoßen auf Ablehnung. War es nicht ein grundsätzlicher Fehler, die Gestaltung mit dem Anspruch eines Kunstwerks zu verbinden?
Rosh: Das mit der Ablehnung stimmt ja so nicht, denn eine Reihe von Leuten befürworten den Eisenman-Entwurf, darunter auch die Berliner SPD-Senatoren oder Klaus Böger, der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, aber auch der israelische Botschafter Avi Primor. Das sind ja keine unwichtigen Stimmen. Man kann nicht sagen, daß man dagegen ist. Aber wir haben keine Abstimmung durchgeführt. Wir haben das ja nie nur als rein künstlerisches Denkmal gesehen, sondern als ein politisches Denkmal. Und der Entwurf von Eisenman bringt für uns beides, eine künstlerisch und politisch starke Aussage, wobei noch bestimmte Spezifizierungen fehlen, wie die Anzahl der Länder und die Opferzahlen aus den Ländern sowie die Tatorte.
SZ: Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Thierse hat sich für eine dritte Wettbewerbsrunde ausgesprochen.
Rosh: Wolfgang Thierse steht für sich. Wir haben bis auf ein paar berühmte Namen die Weltelite der Künstlerinnen und Künstler versammelt, also was will man mehr? Beide Wettbewerbsstufen und die Kolloquien haben zusammen 4,5 Millionen Mark gekostet. Ich finde, wir müssen verantwortungsvoller mit Geld umgehen, aber auch mit Künstlern, denn wer soll sich jetzt noch daran beteiligen? Der Rückzug von Jochen Gerz zeigt doch, daß die Künstler sich langsam verhöhnt fühlen.
SZ: Hätte die Initiative sich nicht irgendwann zurücknehmen und das Anliegen den gewählten Volksvertretern, also dem Bundestag, übertragen müssen?
Rosh: Wir haben dem Bundestag immer wieder nahegelegt, sich dieses Themas anzunehmen, das ist nicht ernst genommen worden. Nur nachher, als es dann entschieden war, da fing das Geschrei an. Aber der Bundestag ist ja auch einbezogen worden auf den Podien. Darüberhinaus gab es 1996 eine Diskussion im Bundestag, es gab in Bonn einen SPD-Beschluß für das Denkmal.
SZ: Wann geben Sie auf?
Rosh: Gar nicht. Wir sind ja nicht nur ein privater Förderkreis, sondern eine Bürgerinitiative, die von vielen Menschen unterstützt wird. Mehr als 10 000 Menschen haben unseren Aufruf unterschrieben, darunter viele prominente Sozialdemokraten wie Willy Brandt und Oskar Lafontaine. Wenn dies nach der zehnjährigen Diskussion versanden sollte, dann müssen wir über uns, aber auch über unseren Umgang mit der Geschichte nachdenken. Dann stimmt die Behauptung: Die Deutschen wollen das Denkmal nicht.
Interview: Marianne Heuwagen
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