DIE ZEIT, 23.7.98

Der Abenteurer

Streit ist programmiert: Der Verleger Michael Naumann soll für einen Bundeskanzler Schröder Kulturpolitik machen
Von Petra Kipphoff

Wann hat man schon das Vergnügen zu sehen, wie einer Karriere macht, der kein Karrierist ist? Jetzt hat man es. Zwar ist Gerhard Schröder selber noch nicht in dem Amt, um das andere Amt, das erst einmal gezimmert werden muß, zu vergeben. Aber wenn Schröder die Wahl gewinnt, wird Michael Naumann, der 1970 zur Gründerjugend im ZEITmagazin gehörte und seit 1995 in New York Direktor der zum Holtzbrinck-Imperium gehörenden Verlage Henry Holt & Co und Metropolitan Books ist, im Herbst von New York nach Bonn/Berlin ziehen, von Amerika nach Deutschland zurückkehren und Staatsminister für Kultur werden. Noch vor einem Jahr hatte er im Fragebogen des FAZ Magazins die Rubrik "Wo möchten Sie leben?" mit einem Satz beantwortet, den er im Reich der Blauen Blume des Novalis gepflückt haben könnte: "Immer anderswo, aber auch dort nicht, und irgendwann bei mir selbst." Und nun das: mit Schröder im Kanzleramt.

Zwischen Friedrich von Hardenberg und Gerhard Schröder liegt das weite Feld, in dem sich Michael Naumann tummelt. Von der Literatur versteht er gewiß mehr als von der Politik, in den Fächern Geschichte und Geistesgeschichte ist er dem Kanzlerkandidaten jedoch mit Sicherheit um ein paar Lichtjahre voraus.

Der Machtinstinkt treibt beide ins Rennen; ihr wichtigstes Ziel könnte es sein, dieses Land, in dem außer den schneidigen Auftritten der Granden der Autoindustrie nichts mehr geschieht, aus dem Zustand der mentalen Paralyse herauszuholen.

Michael Naumann war immer bereit, von einem Abenteuer abrupt in das nächste zu starten. Daß die Kapitel seiner Biografie sich dennoch zu einer sehr schlüssigen Geschichte fügen, ist vielleicht die Folge jener vernünftigen Melancholie, die er gelegentlich seine deutsche Grundausstattung nennt. Im anhaltischen Köthen wurde er 1941 als Sohn eines Rechtsanwalts geboren; der Vater fiel im Zweiten Weltkrieg, man zog um nach Köln. Nach dem Studium in Marburg und München promovierte Naumann 1969 mit einer Dissertation über Karl Kraus, arbeitete kurz beim Münchner Merkur und gründete dann das Männermagazin M, wo Gerd Bucerius ihn entdeckte und 1970 zur ZEIT holte. 1974 ging er an die Ruhr-Universität Bochum, lehrte dort politische Philosophie, bereitete 1976 mit einem Stipendium am Queen's College in Oxford seine Habilitation vor, die er 1980 abschloß.

Im Jahr 1979 war er zur ZEIT zurückgekehrt, diesmal, wieder ein Anfang, um gemeinsam mit Josef Joffe das neu konzipierte Dossier zu leiten.

Noch heute ist es ein Vergnügen nachzulesen, was er damals über "Spitzel, Stasi und Spione" schrieb. Den gründlich recherchierten und mit an Kraus geschulter Spitzfedrigkeit geschriebenen Aufsatz hatte er mit einem kleinen Extempore über den Begriff der Ubiquität eingeleitet. Naumann wurde Korrespondent der ZEIT in Washington und ging 1981 zum Spiegel, ein Zwischenspiel, das mit dem Sprung in die Schlagzeilen endete, als Dieter von Holtzbrinck ihn im Jahr 1985 zum Leiter des Rowohlt Verlags machte. Der Protest von 150 Rowohlt-Autoren und die bösen Kommentare einiger Journalisten über diese Journalistenkarriere waren eine Herausforderung, auf die Naumann mit einer verlegerischen Leistung reagiert hat, die am Ende unisono Anerkennung und Bewunderung fand.

Aber auch ein hart erarbeiteter Erfolg ist kein Grund zum Nickerchen für einen schnellen Kopf und leidenschaftlichen Kosmopoliten. Kurz nach dem Fall der Mauer gründete Naumann mit Blick nach Osten Rowohlt Berlin. Das war ein Spagat, der durch Holtzbrincks Besitzstand im amerikanischen Verlagswesen bald zur Dreisatzaufgabe der kürzesten Entfernung zwischen Hamburg, Berlin und New York wurde und schließlich wieder einen Schreibtischwechsel zur Folge hatte.


Im Jahr 1995 übernahm Naumann in New York die Führung des alteingesessenen Henry-Holt-Verlags, wollte den Amerikanern aber gleichzeitig mit der Neugründung Metropolitan Books beibringen, daß es eine junge deutsche Literatur gibt.

Von Michael Naumanns blunt candor, seiner frontalen Offenheit, ist in einem gerade erschienenen Artikel der New York Times über die Deutschen auf dem amerikanischen Buchmarkt die Rede. Und genau das war die Attitüde, mit der Gerhard Schröders Mann für die Kultur, der doch auch für seine guten Manieren und seinen sanften Charme bekannt ist, jetzt vor die Öffentlichkeit trat. Keines der heißumstrittenen und teuren Themen, die als ewige Reprisen die Nation spalten, zu dem Naumann nicht gleich seine Meinung gesagt hat, ohne Weichspüler.

Das Holocaust-Denkmal lehnt er als eine "Versteinerung der Erinnerung", als eine im Ergebnis schamlose Ästhetisierung ab. Die KZ-Gedenkstätten müsse man pflegen, die Ästhetik der Hauptstadt am Beispiel Potsdamer Platz diskutieren. Dem Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses stimmt er zu, weil er den Erhalt der DDR-Regierungsarchitektur als historische Sinnlosigkeit sieht ("Dann hätte man auch die Mauer stehenlassen müssen").

Mit der Rekonstruktion möchte er auch handwerkliche Talente wiedererwecken und Arbeitsplätze schaffen. Für den Erhalt der Buchpreisbindung will er gegen EU-Kommissar Karel Van Miert antreten, um die Vielfalt der deutschsprachigen Buchkultur zu erhalten. Zunder genug, Fortsetzung folgt bestimmt. Die Garde der Protestierer gegen Michael Naumann führt diesmal Ignatz Bubis an.

Am liebsten redet er an der Bar von Mann zu Mann

Warum geht ein von Freund und Feind als hoch gebildet geschätzter Mensch, der zornige Briefe schreibt, wenn ein Rezensent nicht begreifen will, daß sein Autor Thomas Pynchon das Erbe von Thomas Mann, John Steinbeck, Robert Musil und James Joyce zugleich angetreten hat, in die Politik? Was treibt ihn zu den Genossen, wo er doch viel lieber an der Bar Geschichten von Mann zu Mann austauscht?

"Es ist ein Seitenwechsel", sagt Naumann, "ich habe Kritik an der Politik geübt, und nun sagt Gerhard Schröder zu mir: Mach doch selber etwas." Was er machen will: der Politik den Sinn und Zweck der Kunst beibringen. Und: den Föderalismus aus jenen Ecken hervorholen, wo er nur das Alibi des Regionalismus oder der versteckten Pfründenwirtschaft ist. Die Filmförderung will er aus dem Innenministerium, das Goethe-Institut aus dem Außenministerium umtopfen.

Der immer noch im West-Schatten stehenden ostdeutschen Kunst- und Kulturlandschaft zum Auftritt verhelfen. Amerikanisches jenseits der Popkultur nach Deutschland bringen.

In Brüssel dafür sorgen, daß Frankreich vielleicht etwas weniger ausschließlich die Filmförderungsmittel einstreicht, zum Beispiel. Es wird, wenn es dann wird, Krach geben, und es wird sich etwas bewegen.

Im Fernsehsalon von Sabine Christiansen meinte Wolfgang Schäuble zu der Frage nach Michael Naumann, das sei doch der Verleger, der im New Yorker Boheme-Viertel lebe. Und gab damit das letzte Stichwort für die Qualifikation zum Staatsminister für Kultur. Oder auch: Wer nicht gleich Schröder wählen möchte, könnte erst einmal für Naumann votieren - den Mann mit Eigenschaften.

© beim Autor/DIE ZEIT 1998 Nr. 31
All rights reserved.


Siehe dazu auch:
Gehe zu: Archiv | Auskunft | Kultur-Netz

Programmierung und Design: © Kultur-Netz-Service