Der New Yorker Verleger Michael Naumann, designierter SPD-Staatsminister für Kultur, bei seinem ersten Wahlkampfauftritt
von Michael Mönninger
Babelsberg, 20. Juli. Der erste öffentliche Auftritt des designierten Staatsministers für Kultur unter einer SPD-Regierung galt der Filmwirtschaft. Gemeinsam mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder war Michael Naumann am Montag in die Filmstudios der Medienstadt Babelsberg bei Potsdam gekommen, um mit Vertretern der deutschen Filmwirtschaft zu sprechen.
Er wolle "weder Generalsekretär noch Bundeskulturminister" sein sondern "die kulturpolitischen und wirtschaftspolitischen Belange der Bundesregierung koordinieren und konzentrieren", sagte Naumann. Seine erste Reise nach einem eventuellen Amtsantritt werde nach Hollywood sein, um die Absatzmöglichkeiten des deutschen Films in Amerika zu verbessern. Entertainment sei das wichtigste Exportgut Amerikas; nach diesem Vorbild seien auch die Instrumente und Ausbildungsmöglichkeiten im deutschen Film zu optimieren.
Gerhard Schröder sagte, daß Naumann keinesfalls die Kulturzuständigkeit der Länder antasten, sondern die zerstreuten Kompetenzen des Bundes bündeln werde. Allerdings werde mit dem Regierungsumzug nach Berlin eine neue "kulturelle Offensive" nötig sein.
Ähnlich wie Schröder sprach auch Naumann von Berlin als einem der großen Podien der kulturellen Selbstdarstellung Deutschlands, das nicht durch den Subventionsstop nach der Vereinigung gefährdet werden dürfe. Gegenüber der Zeitung "Die Woche" kündigte Naumann an, sich bei der EU-Kommission für die Preisbindung auf dem deutschsprachigen Buchmarkt einzusetzen.
Naumann, derzeit Verleger in New York, deutete eine gewisse Amerikanisierurig der deutschen Kulturförderung an. In Deutschland befinde sich der Staat in einem "geradezu höfischen obligo gegenüber der Kultur". Diese "barocke Kunsthoheit des Staates" müsse durchbrochen und auch für Stiftungen und private Mäzene geöffnet werden - bis hin zu steuerabzugsfähigen Spenden für die Finanzierung von Künstlergehältern nach amerikanischem Vorbild.
Debatte um Holocaust-Mahnmal
Naumann wiederholte seine Ablehnung des Holocaust-Mahnmals in Berlin, das nur auf "eine ästhetische Gestaltung der Berliner Mitte" hinauslaufe, aber nicht die Eindruckskraft der authentischen Gedenkorte wie Bergen-Belsen besitze. Auch Kanzlerkandidat Schröder bekräftigte seine Skepsis gegenüber dem vorliegenden Mahnmalsentwurf. Nach seiner Wahl im September würde er gern noch über "die Dimensionen dieses Projekts" mitentscheiden dürfen.
Die Mitinitiatorin des Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh, bezeichnete die Äußerungen Naumanns als wenig qualifiziert und differenziert. Naumann mache den Eindruck von jemandem, der sich noch nicht allzu sehr mit dem Thema befaßt habe, sagte Rosh gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.
Auch der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, kritisierte Naumanns ablehnende Haltung. "Wenn das die große Vision eines Kulturmenschen im Bund sein soll", so Bubis gegenüber dem "Berliner Tagesspiegel", dann kann ich nur sagen, arme Kultur."
Politiker und Künstler begrüßten unterdessen die Einrichtung eines Bundesbeauftragten für Kultur sowie die Ernennung Naumanns. Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, György Konrad, sagte, durch eine solche Verbindungsstelle könne der Bund "einen kreativen Beitrag" zur Kulturpolitik leisten.
Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer erneuerte ihre Forderung, ein eigenes Bundeskulturministerium zu schaffen. Unionspolitiker machten hingegen darauf aufmerksam, daß Naumann ohne Bundestagsmandat kein Staatsminister werden könne. Die SPD mache Vorschläge, die "in der Sache gar nicht gehen", so Wolfgang Schäuble (CDU).
(mitAP dpa)
Siehe dazu auch:
Artikel aus "Die Zeit": "Der Abenteurer" von Petra Kipphoff Ausgabe 31 vom 23.7.1998 (Politik)
Artikel in "Die Zeit": "Minister light?" von Sigrid Löffler (Feuilleton), Ausgabe 31 vom 23.7.1998