KANDIDAT

In Demut auf dem Weg nach oben
von Ada Brandes

Das ging schon manchmal an die Schmerzgrenze" - mehr hat Johannes Rau bisher nicht zu der jüngsten Debatte um ihn und das Amt des Bundespräsidenten gesagt. In dieser Debatte ist dem 67 Jahre alten stellvertretenden SPD-Vorsitzenden von den Medien nachgesagt worden, er sei zu alt und er sei zu krank. In Raus Körper ticke eine "Zeitbombe", schrieb der "Spiegel". Er wolle sich mit dem Bundespräsidentenamt einen "Lebenstraum" erfüllen, wurde gemutmaßt, oder auch, der ehemalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident müsse "versorgt" werden. Die ansonsten seriöse "Stuttgarter Zeitung" übte sich in der letzten Woche über fünf Spalten hinweg in Tiefenpsychologie: Rau wolle oder müsse nur deshalb Bundespräsident werden, um seiner "sehr viel jüngeren Ehefrau" zu imponieren und sie "zu geziemender Bewunderung" anzuregen.

Ein zweiter Diskussionsstrang lief unter dem Motto: "Frau statt Rau". Kurz nach der Wahl zum neuen Bundestag hatten Frauen in der SPD die Forderung erhoben, eines der beiden - protokollarisch - höchsten Staatsämter müsse von einer Frau besetzt werden, also entweder das Amt des Bundestagspräsidenten oder das des Bundespräsidenten.

Dem in der Partei hochverehrten Johannes Rau die Eignung zum Bundespräsidenten abzusprechen - das wäre aus der Sicht der SPD-Frauen unmöglich gewesen. Also wurde versucht, Rau unter moralischen Druck zu setzen. Massenweise sollten Frauen, so dachte man sich die Aktion, den Minsterpräsidenten a. D. auffordern, zugunsten einer Frau auf eine Kandidatur zu verzichten. Die erhofften "massenweisen" Zuschriften endeten als spärliches Rinnsal. Ganze zwei weibliche SPD-Bundestagsabgeordnete hatten bis vor wenigen Tagen an ihren Vize-Vorsitzenden geschrieben. Wenn Parteichef Oskar Lafontaine heute dem Parteivorstand verschlägt, Johannes Rau offiziell als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten zu benennen, dann wird er damit vermutlich auch die Aufforderung verbinden, die parteiinterne Demontage seines Stellvertreters zu beenden.

Rau selber hat bisher standhaft über die Geschichte seiner Kandidatur geschwiegen. Er habe sich nicht beworben, denn um ein solches Amt bewerbe man sich nicht - mehr hat er dazu nicht gesagt. In den letzten Tagen hat er allerdings die Gerüchte um seine "lebensbedrohliche" Krankheit richtiggestellt. Die Tumor-Erkrankung, derentwegen ihm vor vier Jahren eine Niere entfernt wurde, sei geheilt. Die angebliche "Zeitbombe" ist ein Aneurysma, eine Aussackung der Bauch-Schlagader, die nach Auskunft der Ärzte operiert werden kann, aber nicht muß. Sie behindere ihn in keiner Weise, sagte Rau.

Schuld an der Debatte trägt nicht er selber, sondern die Parteispitze. Lafontaine ist der Lesart, er habe Rau die Kandidatur als Gegenleistung dafür "versprochen", daß er den Ministerpräsidentensessel in NRW für Wolfgang Clement freimachte, nie entgegengetreten.

In den letzten Wochen hat er aber wiederholt zu verstehen gegeben, daß er zu Rau stehe und daß er in der Durchsetzung dieser Kandidatur eine "Führungsfrage" sehe. Damit hat Lafontaine selbst die Auffassung genährt, hier gehe es in erster Linie um einen parteiinternen Handel. Aber auch diejenigen, die deshalb seit Wochen gegen eine Kandidatur Raus polemisieren, hatten keinen anderen Kandidaten aufzubieten.

Rau gilt als der große Integrator in seiner Partei. Der Sohn eines Predigers, ausgebildeter Buchhändler und zeitweilig Journalist, ist in der SPD seit langen Jahren ein "Mann für höchste Ämter". 1978 war er Ministerpräsident in NRW geworden und blieb es knapp 20 Iahre lang, seit 1982 ist er stellvertretender Parteichef, 1985 nominierte ihn seine Partei auch zum Kanzlerkandidaten. Vor vier Jahren hatte ihn die SPD schon einmal als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten aufgestellt, damals hatte sich aber die aus Union und FDP gebildete Mehrheit in der Bundesversammlung für den CDU-Kandidaten Roman Herzog entschieden.

Verheiratet ist er mit Christina, einer Enkelin des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der Raus Vorbild und Leitfigur gewesen war. Raus Credo ist auch im politischen Umfeld menschliche Wärme zu verbreiten. Dafür, und für sein Engagement in der Kirche, ist er als "Bruder Johannes" bespöttelt worden. Dahinter verbirgt sich die Unsicherheit, wie man mit einem Mann umgeht, der sich demütig zeigt und dennoch machtbewußt ist


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