Der Schriftsteller Günter Grass würdigte in seiner Laudatio den Friedenspreisträger Yasar Kemal als einen Autor, dessen Romane den Leser nicht loslassen, sondern gleichsam gefangennehmen. Nachdrücklich kritisierte der Autor die deutschen Waffenlieferungen in die Türkei und den latenten Fremdenhaß in Deutschland. Grass sagte in seiner Rede:
"In der Türkei ist das Volk der Kurden bis in diese Tage hinein staatlicher Willkür und militärischen Aktionen ausgesetzt, deren Opfer zumeist Frauen und Kinder sind. Rassenwahn und von Überheblichkeit verdeckter Mangel an Toleranz, Kriege und Kriegsfolgen markieren die Geschichte unserer Länder.
Nur wer als Leser in das erzählerische Werk Kemals abgetaucht ist, kann begreifen, wie verwurzelt dessen politischer Einspruch in den Nöten, Träumen und Hoffnungen des einfachen Volkes ist. (...) Yasar Kemals Bücher agitieren nicht. Er, der Sozialist aus Erfahrung, weiß, daß das Unrecht zwar unübersehbar ist, auch wenn es trickreich immer neue Gestalt annimmt.
Spricht nicht der in Deutschland latente Fremdenhaß, bürokratisch verklausuliert, aus der Abschiebepraxis des gegenwärtigen Innenministers, dessen Härte bei rechtsradikalen Schlägerkolonnen ihr Echo findet? Über viertausend Flüchtlinge, aus der Türkei, Algerien, Nigeria, denen nichts Kriminelles nachgewiesen werden kann, sitzen in Abschiebelagern hinter Schloß und Riegel.
In Yasar Kemals Büchern ist die Darstellung des Rassenwahns als Fremdenhaß zwar in unablässig wuchernde Erzählung verwoben, aber dennoch als Ausdruck offizieller Regierungspolitik kenntlich. Deshalb ist der Autor den Herrschenden lästig. Deshalb zerren sie ihn immer wieder vor Gericht. Deshalb mußte er Gefängnis und Folter erleiden. Nun liegt es an uns, dem Autor zu danken, das heißt, die Zwänge der ab- und ausgrenzenden Politik zu überwinden, ohne herbeigeredete Ängste mit unseren türkischen Nachbarn zu leben, mehr noch, eine Politik zu fordern, die den Millionen Türken und Kurden in unserem Land endlich staatsbürgerliche Rechte gewährt.
Wer immer hier, versammelt in der Paulskirche, die Interessen der Regierung Kohl/Kinkel vertritt, weiß, daß die Bundesrepublik Deutschland seit Jahren Waffenlieferungen an die gegen ihr eigenes Volk einen Vernichtungskrieg führende Türkische Republik duldet. Wir wurden und sind Mittäter. Wir duldeten ein so schnelles wie schmutziges Geschäft. Ich schäme mich meines zum bloßen Wirtschaftsstandort verkommenen Landes, dessen Regierung todbringenden Handel zuläßt und zudem den verfolgten Kurden das Recht auf Asyl verweigert.
(...) wenn Literatur, wie die von mir gepriesene, noch einen Anstoß geben kann, dann sind alle hier heute versammelten Autoren, Verleger, Buchhändler, ein jeder, der sich politischer Verantwortung bewußt ist, ermahnt und aufgerufen, Yasar Kemals Appell zu folgen, ihn weiterzutragen und mit ihm dafür zu sorgen, daß in seinem Land endlich die Menschenrechte geachtet werden, keine Waffengewalt mehr wütet, sondern bis in die letzten Dörfer Frieden einkehrt."
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