"17. 11. 1943 RSHA-Transport, 995 Juden aus dem Lager Westerbork: 166 Kinder, 281 Männer und 291 Frauen unter 50 Jahren und 257 Personen im Alter von über 50 Jahren". So verzeichnet es das "Kalendarium der Ereignisse im KZ Auschwitz-Birkenau". Zu den "Personen", an denen nicht einmal mehr das Geschlecht von Interesse war, gehörte ein Schriftsteller, der seinen Glauben an Deutschland als "Siegelbewahrer des Menschentums" schon im Ersten Weltkrieg verloren und sich zu keiner Zeit Illusionen über die verbrecherische Natur des NS-Regimes hingegeben hatte. Im März 1933 war Georg Hermann, der Autor so bekannter, beinahe volkstümlicher Romane wie "Jettchen Gebert", nach Holland geflohen.
Was den wachsamen, ja hellsichtigen Beobachter politischer Zustände bewogen hat, einer Anordnung der deutschen Besatzer Folge zu leisten und sich in ein Sammellager zu begeben, ist wohl nur aus seiner besonderen inneren Spannung zu erklären: Georg Hermann gehörte mit seinen Empfindungen einer anderen Epoche an als mit seinen Einsichten. Es kann nicht schlichte Ahnungslosigkeit gewesen sein, die ihn das Leben kostete; er wußte, daß Menschen in den KZs zu Tode gequält wurden. Am ehesten wird es so gewesen sein, daß er, ein alter Mann, schwer herz- und zuckerkrank und seelisch erschöpft, nur noch Reflexen folgte: den Reflexen eines liberalen Bürgers, der den Zustand der Rechtlosigkeit und die Amoralität des Hitler-Regimes zwar zu denken, aber nicht wirklich zu fassen vermochte, weil es in seiner Erfahrungs- und Vorstellungswelt keinen Ort dafür gab. Dreiundsiebzig Jahre alt ist Hermann geworden; vielleicht hat er den Transport im Viehwaggon gar nicht überlebt, vielleicht starb er mit 530 anderen, die als nicht arbeitsfähig "selektiert" worden waren, im Gas von Birkenau.
Georg Hermann, der leicht und viel schrieb und dabei, seiner Tochter Hilde zufolge, immer weltmännisch-unbeschäftigt wirkte, war lange vergessen. 1963 schlug ihn die DDR ihrem kulturellen Erbe zu: Im Verlag "Das Neue Berlin" erschien eine achtbändige Werkauswahl. Im Westen kamen einige Einzelausgaben heraus, die irgendwann vergriffen waren und nicht wiederaufgelegt wurden. In den 80er Jahren begann sich die Exilforschung verstärkt mit ihm zu beschäftigen, aber in Jürgen Serkes "Verbrannten Dichtern" etwa fehlt sein Name. Inzwischen jedoch scheint eine kleine Hermann-Rennaissance in Gang gekommen zu sein, dank der neuerlichen Aktivitäten des Verlags "Das Neue Berlin". Soeben sind die Bände 3 und 4 erschienen: "Kubinke" (1910), "Die Nacht des Doktor Herzfeld" (1912) und "Schnee" (1921); letztere zusammengehörig und in einem Buch vereint.
Nach "Jettchen Gebert" (1906), dem Roman um eine vielseitig begabte junge Jüdin der Biedermeierzeit, die an der menschlichen und geistigen Enge ihrer Umgebung zugrunde geht, ist es vor allem "Kubinke", auf den die Einschätzung Georg Hermanns als eines Nachfahren der bürgerlichen Realisten und Anwalts der kleinen Leute zurückgeht. Anders als Jettchen ist der Friseurgeselle Emil Kubinke keine Leuchte, sondern lediglich ein wenig zu brav und zu gutartig für die Welt, zumindest für die eines Berliner Mietshauses.
Als er es am 1. April des Jahres 1908 zum ersten Mal betritt, um dem Meister Ziedorn seine Dienste anzubieten, ist, wie der Autor den Leser gleich zu Anfang wissen läßt, sein Schicksal besiegelt. Die Geschichte Emil Kubinkes, der sich zwischen den drei Dienstmädchen im Hause verheddert, von denen nur eines, die "rotblonde Pauline", es gut mit ihm meint, bietet alles auf, woran ein (beinah) reiner Tor zerbrechen kann: von unbedachtem Spott über Klatsch und Schadenfreude bis hin zu Tücke und Verleumdung. Als ihm die dicke Hedwig und die lange Emma nacheinander ein proppgesundes Siebenmonatskind unterschieben, erhängt sich Emil.
Alles andere als ein heiterer Stoff - und doch liest sich die Tragödie des kleinen Mannes, der sich seiner Haut nicht zu wehren weiß, über weite Strecken wie eine Komödie der Irrungen: Es sind Komödientypen, die hier agieren, schon bei der ersten Vorstellung auf ihre Rolle festgelegt und von einem allwissenden Ironiker zu unfreiwilliger Komik bestimmt. In Georg Hermanns durchgängiger Ironie liegt gewiß jene Haltung gegenüber seinen Figuren beschlossen, die Peter Härtling in seinem kundigen Nachwort als "beteiligt, nicht selten zärtlich" bezeichnet - und doch blitzt gelegentlich etwas ganz anderes aus ihr hervor: grimmig-grausame Spielfreude. Sie und die lauernde Gemütlichkeit des weitschweifigen Erzählerkommentars lassen an einen Autor denken, den Kubinkes Erfinder beinahe ebensosehr schätzte wie Goethe, Heine und Fontane: an Wilhelm Raabe nämlich, der, so Hermann selbst in seiner Bekenntnisschrift "Weltabschied" von 1935, "mit den Menschen spielt und sie lachen und weinen läßt, wie es ihm behagt".
Georg Hermann war ein Demokrat, der sich der Linken zurechnete und sehr eigenen Vorstellungen von einem "abgestuften und temperierten Kommunismus" anhing. Zugleich war er durchdrungen von der Überzeugung, daß alles Treiben der Menschen (der "armseligen kleinen Bestien") von anthropologischen Konstanten gesteuert sei. Diese - unaufgelöste - Spannung zwischen sozialrevolutionären Idealen und einem bürgerlichen, durchaus konservativen Skeptizismus mit fatalistischen und misanthrophischen Zügen durchzieht auch seinen Roman. Einen Roman, der bleiben wird, dank seiner wunderbaren Oberflächenqualitäten - der Milieugenauigkeit, dem Wortwitz der Dialoge und einer Reihe prägnant umrissener Typen, die, obwohl sie in der Mehrzahl kein Ruhmesblatt für die Menschheit abgeben, zumindest einen mildernden Umstand für sich ins Feld führen können, den nämlich, daß sie waschechte Berliner sind.
Nur zwei Jahre nach "Kubinke" erschien "Die Nacht des Doktor Herzfeld" - und doch muß zwischen beiden Romanen eine ganze Welt mit ihren Ordnungen und Gewißheiten ins Nichts versunken sein. Alwin Herzfeld ist um die 50, Kunstsammler, Schriftsteller und meistens außer Haus: ein Flaneur in Berlin - und alter Ego seines Autors in mehr als einer Hinsicht. Durch seine Augen werden wir zu Zeugen des rasanten Wachstums der Boomtown Berlin von 1910, mit ihm sehen wir die Parvenuhaftigkeit des neuen Reichtums und einer jeunesse dorée, die auch nach 90 Jahren kaum den Habitus, höchstens die Freiterrassen gewechselt zu haben scheint, sehen wir schöne Künstlerinnen und "Künstlerinnen", Halbweltlokale, neue Wohnstraßen, die vor ein paar Wochen noch Wiesen waren, Bäume, Vorgärten, die schnellen neuen Lokomotiven "schlank und schön und stahlsehnig wie Araber" - Berlin, das "Ungeheuer", der "mächtige Steinhaufen", vor dem sich der kleine Emil Kubinke immer geängstigt hatte: für Herzfeld ist es ein riesiges, atmendes Muttertier, eine andere Natur, Quelle aller Inspirationen, und zugleich das Labyrinth eines früheren, verdrängten Lebens, in dem er sich zu verirren fürchtet.
Herzfeld ist der Betrachter par excellence, ein homme à femmes, bindungsscheu und latent misogyn, ein brillanter Schöngeist nicht ohne Züge von Kulturhochmut und elitärer Selbstgefälligkeit. Eine monadische Existenz mit anderen Worten, von der nichts Lebendiges ausgeht. Nach und nach, in dem Maße, wie ihn durch zufällige Begegnungen Vergangenes einholt, wird deutlich, wie sehr ihm alles im Leben entglitten und mißlungen ist. Unter der gleichsam fernöstlichen Gelassenheit, die ihn mit der Aura eines Souveräns seiner Selbst und im Reich des Geistes umgibt, gleitet die Seele des Alwin Herzfeld langsam in die Nacht.
Am Ende dieses Prozesses steht - in "Schnee" - die Auflösung der geistigen Form: Nachdem er seinen einzigen Schüler, einen Hochbegabten, an den verhaßten Krieg verloren hat, gibt Herzfeld sich auf. Sein letzter Versuch, sich dem Leben nutzbringend zu verbinden, dem "werdenden Menschentum" eines geistigen und moralischen Hoffnungsträgers aufzuhelfen, war umsonst. Das Massensterben auf den Feldern des Ersten Weltkriegs - zu den eindrücklichsten Passagen des Buches gehört die Schilderung, wie im Dunkel der Nacht endlos lange Lazarettzüge durch Berlin rollen - ist gleichbedeutend mit dem Versagen der Kultur, die er vertritt. Er verläßt Berlin, seine Lebensform, und verliert sich in einem über Tage fortgesetzten Selbstgespräch über verlorene Liebe und falsche Entscheidungen, das der Tod beendet. Herzfeld stirbt auf einer Bank im Schnee, in einer weißen, leeren Welt. Ein schöner Tod - Georg Hermann hat sich den seinen vielleicht so gewünscht.