Der Tagesspiegel

"So oder so ..."

Thomas Lackmann über Schlager -
zum 100. Geburtstag des (Wilmersdorfer) Komponisten
Theo Mackeben

Im Lexikon steht er zwischen "Schlagbolzen" und "Schlagfluß". Definiert als "kurzlebiges Erfolgslied mit Schlagzeile" wird er, wo man seine Sentimentalität übersteigert, "Schnulze" genannt. Der Begriff "Schlager" bezeichne seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die "einschlagende Melodie" eines Couplets oder Operettenliedes, gehe aber auf das Bänkellied zurück. Der Schlager heute trage "Merkmale eines weitgehend standardisierten, nivellierten Massenprodukts", gruppiere die "Reizvokabeln um die Wunschprojekte Liebe, Sehnsucht, Abenteuer, Heimweh": mit schablonenhafter Melodik, Harmonik, Rhythmik.

Sowas freilich hatte Klein-Theo nie gewollt, als er sich zur Klavierfabrik fortstahl, um inmitten hunderter von Pianos zu üben - das Instrument daheim war abgeschlossen worden. Mit zwölf beherrschte der am 5. Januar 1897 geborene Sohn eines westpreußischen Garnisions - Verwaltungs - Kontrolleurs Geige und Piano perfekt. Nach dem Krieg Nr. I ging er als Begleiter des Violin-Virtuosen Przemislaw auf Welttournee, dirigierte die Uraufführung der "Dreigroschenoper", schrieb ein Oratorium ("Hiob"), eine Oper, deren Noten verbrannt sind ("Manuela"), eine andere, deren Uraufführung durch die Zerstörung der Berliner Staatsoper platzte ("Rubens"). Denn eigentlich wollte Theo Mackeben ja E-Musiker werden. Nach dem Krieg Nr. II hat er deshalb zunächst alle "verlockenden Angebote" der leichten Muse abgelehnt: "Auch als Komponist versuche ich, zur Klärung unserer Situation beizutragen.".

Trotzdem erlangte der Pianist des "Café Größenwahn", der Dirigent am Metropoltheater, Ruhm nicht als Maestro des Seriösen. 1930 schrieb Theo Mackeben den ersten von über 50 Soundtracks: "Die Jagd nach dem Glück". 1934 gelang ihm mit "So oder so ist das Leben" ein Filmhit, der durch pathetisch-lakonische Korrespondenz zwischen Text und Melodie, seltsam changierenden Moll-Dur-Wechsel zwischen Fatalismus und Selbstbehauptung, ein Zeit-Dokument wurde. "... so oder so ist es gut. So wie das Meer ist das Leben, ewige Ebbe und Flut". Auch 1938 entstand, für den Film "Tanz auf dem Vulkan", ein solches Lied - Stimmungsware und Reflex der Epoche. Mackebens ekstatische Melodie gab dem Song "Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da" anarchischen Drive, der heikle Vers ("Amnestie, Amnestie allen braven Sündern!") wurde zensiert. Dem Komponisten schadete das nicht. Für ihn war Musik schon 1917 das Mittel gewesen, in der polnischen Etappe zu überleben; nun entkam der Einberufene, unabkömmlich für den Gute-Laune-Film "Bal paré", noch einmal der Front. Dafür trat 1939 sein Schlager "Du hast Glück bei den Fraun" aus "Bel Ami" den globalen Siegeszug an: die elegante Beschwörung der süßen Salonspiele einer vergangenen Welt.

"Bei dir war es immer so schön": der Titel einer der samtigsten Mackeben-Weisen bringt die Schnulz-Essenz des Schlagers - verklärende Sehnsucht nach Heimat - auf den Rühr-Punkt. Solche Schlager, Konserven des Gefühls, speichern in der Erinnerung die Gerüche der Seele. Doch um vom Hit zum Evergreen zu avancieren, braucht es mehr das Kalkül mit Reizvokabeln und Musik-Schablonen. Mackeben, der verhinderte E-Komponist, vermochte einem Schwulst-Poem wie "Nur nicht aus Liebe weinen" mit solcher Belcanto-Emphase zu entsprechen, daß die Ballade auch ohne Zarah Leander Generationen erobert hätte. Der Schlager, der Herzen schlagen läßt, zehrt von der Beseelung durch einen, der vom Großen träumt und so das Einfache, das schwer zu machen ist, zuwege bringt; damit Kopf und Bauch einander finden, in überhöhter Trivialität. Auch der verhinderte E-Künstler Friedrich Hollaender hat so gezaubert. Als Reflex auf den Weltuntergang versuchte er, der Exulant, sich an der Literatur; Mackeben, der Zuhausgebliebene, schuf in der Stunde Null sein Konzert von Bad Ischl, das bei der Kritik durchfiel. "Sinfonisch aufgeschwemmt ... Man fühlt sich mehr als ein Halbjahrhundert zurückversetzt ... Darf Mackeben sich darüber täuschen, daß dieser Weg nicht mehr gangbar ist?" Gestorben ist der Künstler, der den Schlagbolzen, nicht aber dem Schlagfluß entkam, Anfang 1953 in Berlin. "Es muß jetzt überhaupt alles neu werden!" hatte er 1946 gehofft. "Ein Oratorium spukt mir im Kopf herum, eine große ernste Sache, nein, kein Einzelschicksal, sondern die große deutsche Schicksalstragödie." Er schrieb sie nie, sein letzter Soundtrack hieß "Der große Zapfenstreich". Im Blick auf die Vita des So-oder-so-ist-Mackeben (wie Zeitgenossen witzelten) ahnt man, warum E und U in Deutschland zu zwei einander fernen Galaxien wurden. "So oder so ... Du mußt entscheiden, wie du leben willst, nur darauf kommt's an".

© DER TAGES SPIEGEL
Sonntag, 5. Januar 1997 / Nr:15 85


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