SZ vom 08.04.2000 SZ am Wochenende

Arno Orzessek

Die hinterlistige Kunst der Rede

Es sind fast immer gewiefte Rhetoriker, die die Rhetorik mies machen: Vom Ethos der Wörter und vom Pathos der Verführer

„Sagen kann jeder“, stammelt in Elias Canettis Roman „Die Blendung“ eine Haushälterin namens Therese Kien. Ihre Sprache besteht aus Phrasen, deren Beziehung zur Realität undurchschaubar ist. Man versteht nicht, worauf Therese hinaus will, man ahnt es eher: auf die Befriedigung ihrer Geldgier, ihrer Herrschsucht und vielleicht noch ihrer welken Lust.

Sagen kann jeder – das schien in den vergangenen Monaten die Parole nicht weniger Politiker zu sein, als ihre Verfehlungen aufflogen. Erst mal einen Spruch machen. Der Öffentlichkeit Sand in die Augen streuen und dann tüchtig reiben. Unerhört konsequent in der Anwendung dieser Methode war das famose Duo Manfred Kanther / Casimir Prinz zu Sayn-Wittgenstein. Der eine schleuste im Ausland geparktes Schwarzgeld auf illegalen Wegen in heimische Kanäle zurück, der andere führte den Segen kurzerhand auf „Vermächtnisse“ zurück. In die Niederungen deutscher Phantasmen versunken, schob Sayn-Wittgenstein nach, „ausgewanderte Juden“ hätten seiner Partei ihr Erspartes vermacht.

Die Quittung haben nicht nur Kanther/Wittgenstein bekommen. Wahrscheinlich war die Entlarvung der hessischen brothers in crime der Wendepunkt des Skandalwinters. Nun dämmerte es auch zur Beschwichtigung neigenden CDU-Politikern, dass die Zersetzung der öffentlichen Sprache durch gesetzesblinde Polithasardeure mindestens so prekär ist wie die Fälschung von Kassenbüchern. Denn man kann nicht morgen eine zweite Sprache aus der Schublade ziehen und im Stand der Glaubwürdigkeit die demokratischen Rituale von neuem beginnen. Die Politiker, die Medien, die Bürger – das ganze Land hatte Schaum vor dem Mund.

Obwohl in der Folgezeit der Begriff „Aufklärung“ verhunzt wurde, kam es zu innerparteilichen Säuberungen. Schließlich brachte sich Wolfgang Schäuble, eher geringer Vergehen verdächtig, als weithin sichtbares Sühneopfer der CDU dar. „Wir müssen das Vertrauen der Menschen wiedergewinnen, und das ist ein langer Weg“, orakelte Angela Merkel, die ihre Lehrjahre in der Autokratie Helmut Kohls wacker absolviert hat, aber mit dem Versprechen diskursiver Politik den Parteivorsitz in Angriff nahm: Regionalkonferenzen statt Bimbes und Befehlen.

Der Erregungsgrad, mit dem die Ära Kohl zu Grabe getragen wird, ist sicherlich auch dem emotionalen Überdruck vieler Journalisten zu verdanken, die in den Jahren der Unantastbarkeit des Altkanzlers ein starkes Begräbnisbedürfnis unterdrücken mussten. Nach der Hälfte der sechzehnjährigen Ewigkeit hatten Anti-Kohl-Kampagnen unter Abnutzung gelitten und waren schließlich ganz verschwunden. Es schien, als sei alles gesagt. Der Boom der Affären machte diesen Irrtum kenntlich und bot unerwartet eine Chance zur Abrechnung. Die wird nun dermaßen rigoros genutzt, dass sich mancher fragt, „ob die informelle Justiz des Skandals der Gerechtigkeit des verfassten Rechts so eilig vorausgreifen sollte“ (Peter Sloterdijk).

Soweit medienpsychologische Erklärungen. Die politische Wirkung des Aufruhrs ist damit noch nicht benannt. Sie lässt sich als Wiederkehr rhetorischer Maximen in die Öffentlichkeit charakterisieren. Wer sich von den lichtempfindlichen Herrschaftsinstrumenten Helmut Kohls und seiner Vasallen distanzieren will, muss fast zwangsläufig auf gut abgehangene Tugenden der politischen Rhetorik zurückgreifen: Aufklärung statt Verdunkelung, Argumente statt Geldkoffer, Offenheit statt Herrschaftswissen, Diskurs statt Diktat(ur). Reumütige Politiker und kritische Publizisten unterscheiden sich hier nicht.

Die Entstehung der Rhetorik als Medium der Politik liegt 2500 Jahre zurück. Der evolutionäre Gewinn lag darin, Gewalt und veraltete Hierarchien zu delegitimieren und durch den Streit um Worte und mit Worten zu ersetzen: Schwerter zu Buchstaben. Fraglos hatte der Marktplatz von Athen strukturell kaum Ähnlichkeiten mit modernen Mediendemokratien. Der wichtigste Unterschied: Damals war die Entscheidung noch nicht gefallen, wenn die Beratschlagung begann. Heute vertreten Politiker im deutschen Parlament fertige Fraktionsbeschlüsse, die hinter geschlossenen Türen ausgehandelt wurden. Es geht nicht um die Komplexität der Sachlage, sondern um die mediale Durchschlagskraft der Sentenzen, mit denen der eigene Standpunkt verkauft wird. Im Bundestag wird Politik theatralisch, man könnte auch sagen: Sie wird bloß simuliert.

Es gibt kein Zurück – und keinen Anlass zu basisdemokratischer Nostalgie und Polis-Schwärmerei. Politische Rhetorik ist Werberhetorik geworden, und insofern Politiker um Zustimmung der Wähler werben, ist dagegen wenig zu sagen. Dennoch sind fundamentale Einsichten der antiken Rhetoriker der grassierenden Beliebigkeit im öffentlichen Redegeschäft entgegenzuhalten. Politische Rhetorik steht für ein größeres Versprechen als Milka-Reklame: Nur redende Politik lässt sich vernünftig von Autokratie, Diktatur des Klüngels und anderen präpolitischen Formen unterscheiden, nur streitende, streitbare Politiker rechtfertigen die Macht, die ihnen übertragen wurde. Das ist der Kern politischer Rhetorik. Darum dürfen die alten Geschichten neu gelesen werden: Als Gleichnisse für die Gegenwart.

Die Redner im fünften vorchristlichen Jahrhundert hatten noch keine rhetorische Ausbildung im engeren Sinn, aber bereits gute Argumente für den öffentlichen Gebrauch der Freiheit. Die intellektuelle Kampflinie verlief damals zwischen den Demokraten Athens und der Stammesgesellschaft Spartas, die einem Heerlager glich. Die Maximen der spartanischen Politik waren offen reaktionär: Gleichberechtigung war ein rotes Tuch; man verzichtete auf Gold und Silbermünzen und damit auf den überregionalen Wirtschaftsverkehr, um vom Handel mit anderen unabhängig zu sein; die Reinheit des eigenen Stammes und seine Tabus wurden verherrlicht.

Auf Seiten der Demokraten hatte Perikles Karriere gemacht. Er stritt mit der konservativen Opposition seiner Stadt, den Oligarchen. Den oligarchischen Eid, der damals in Mode war, überlieferte Aristoteles: „Ich gelobe, ein Feind des Volkes zu sein und mein Bestes zu tun, ihm schlechten Rat zu erteilen.“ Der Kreis um Perikles wurde gehasst, er hatte das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz formuliert und die Interessen der Individuen über die des Stammes erhoben.

Der große Redner Perikles hielt es mit dem Patriotismus folgendermaßen: „Ein athenischer Bürger vernachlässigt die öffentlichen Angelegenheiten nicht, wenn er seinen privaten Geschäften nachgeht  .  .  . Wir betrachten einen Menschen, der am Staate kein Interesse hat, nicht als harmlos, sondern als nutzlos. Zugegeben, nur wenige sind fähig, eine politische Konzeption zu entwerfen und durchzuführen, aber wir sind alle fähig, sie zu beurteilen. Wir halten die Diskussion nicht für einen Stein des Anstoßes auf dem Wege der politischen Aktion, sondern für eine unentbehrliche Vorbereitung zum weisen Handeln.“

Das war der neue Glaube: Die Machtgeilheit selbstherrlicher Eliten schadet dem Wohlergehen aller Bürger, darum soll sie aufhören. Perikles’ Gesinnungsgenosse Demokrit ergänzte: „Die Armut einer Demokratie ist besser als die Wohlhabenheit, die angeblich mit der Aristokratie oder der Monarchie verbunden ist, ebenso wie die Freiheit besser ist als die Sklaverei.“ Demokrits Skepsis gegenüber den Verlockungen der Macht schlug sich in dem Wunsch nieder: „Ich würde lieber ein einziges Kausalgesetz finden, als der König von Persien sein.“

Die Demokraten Athens in der Zeit der Peleponnesischen Kriege entwickelten ihre Überzeugungen gegen den Schutz der Tradition, gegen den Glauben an die Mythen, gegen die sozial etablierten Anmaßungen der Reaktionäre. Sie experimentierten mit einer offenen Gesellschaftsform ohne historische Vorbilder. Die grundlegende Überzeugung, den Kernsatz aller abendländischen Gesellschaften ohne Gott, formulierte Protagoras von Abdera: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge: für die seienden, dass sie sind; für die nicht seienden, dass sie nicht sind.“ Das war reine Aufklärung. Wer so redete, dem fiel sofort die volle Verantwortung für seine Taten zu.

Protagoras traute sich zu, im Streit mit Hilfe von Vernunft und geschickter Rede „die schwächere Sache zur stärkeren“ zu machen. Er wurde zu den Sophisten gezählt, was Wortverdreher oder Weisheitslehrer heißen kann. Diese illustre Gruppe eroberte am Ende des fünften Jahrhunderts die Meinungsführerschaft in der athenischen Öffentlichkeit.

Das Gericht ist der Ursprungsort der Rhetorik als praktischer und reflektierender Disziplin. Nicht Geschmäcklertum, sondern existenzielle Interessen von Klägern und Verklagten führten zu der Entdeckung, dass die Rede wie die Sprache überhaupt nach Regeln manipulierbar ist. Die Kompetenten bekamen ein Machtinstrument erster Güte in die Hand. „Die Wirkung der Rede verhält sich zur Stimmung der Seele ebenso wie die Bestimmung der Gifte zur Natur des Körpers“, behauptete Gorgias. Einige werden durch Gifte geheilt, andere gehen über den Jordan. Nach Gorgias stiftet die Rede „bald Trauer bald Freude, bald Furcht bald Zuversicht, manchmal aber vergiftet und verzaubert sie die Seele durch Verführung zum Bösen“.

Damit war es heraus: Verführung zum Bösen. An diesem Punkt haben die Feinde der Rhetorik seit jeher angesetzt. Von Platon bis Franz Josef Strauß reicht die Liste ihrer Verächter. Es sind fast immer gewiefte Rhetoriker, die die Rhetorik mies machen. Der geniale Begriffsakrobat Immanuel Kant nannte sie eine „hinterlistige Kunst“. Bei Goethe behauptet der Wahrheitssucher Faust: „Es trägt Verstand und rechter Sinn / Mit wenig Kunst sich selber vor“, während Mephistopheles, der wie fast alle teuflischen Gestalten der Literatur ein Sprachartist ist, zum Besten gibt: „Im ganzen: haltet Euch an Worte! / Dann geht ihr durch die sich’re Pforte / Zum Tempel der Gewissheit ein.“ Im schlimmsten Fall wird der Brachialrhetoriker Hitler als warnendes Beispiel für das finstre Vermögen geübter Redner angeführt. Dass geübte Hörer gut geschützt sind, wird gern unterschlagen. Kurt Tucholsky hörte Hitler 1933 am Radio zu und schrieb: „Manchmal überbrüllt er sich, dann kotzt er. Aber sonst: nichts, nichts, nichts.“

Von Anfang an also hatten Rhetoriker einen zwiespältigen Ruf. Gorgias führte vor, dass der logos die Menschen, und das heißt: die Welt, völlig verändern kann. Viele Griechen schätzten sein flottes Mundwerk und nahmen für abnorme Summen Unterricht. Der neureiche Lehrer hielt Festreden in Olympia und vor dem Tempel von Delphi, wo er sein eigenes Standbild einweihte. Aber der glamouröse Gorgias war nicht nur der Gottschalk, sondern auch der Gysi seiner Zeit. Er kämpfte gegen die Vorrechte der vornehm Geborenen und entwickelte eine Gleichheitslehre. Sein Schüler Antisthenes lehrte die Bruderschaft und ein Universalreich aller Menschen.

Reden lernen hieß Charakter bilden. Die Rhetoriker glaubten, Menschen von der Zunge her erziehen zu können, weil Kopf und Herz mit dranhängen. „Ein wahrhaftes Wort, übereinstimmend mit dem Gesetz und gerecht, ist das Abbild einer guten und rechtlichen Seele“, behauptete Isokrates, ein weiterer Schüler des Gorgias. Wer 1000 Drachmen übrig hatte, konnte sich bei ihm ausbilden lassen und zwar stets in Verbindung mit wichtigen politischen Themen. Die diskriminierende Unterstellung, dass Rhetoriker sich hauptsächlich um den Unterschied von Metaphern und Metonymien kümmern, hat nie gestimmt. Aristoteles fordert in seiner Rhetorik Ethos vom Redner, Pathos von den Zuhörern und Logik für die Argumente ein.

Isokrates, selbst kein begnadeter Redner, wurde der maßgebliche Pädagoge Griechenlands, seine Schüler waren Feldherrn, Historiker und Politiker. Von ihm stammt der Satz: „Weil uns aber (die Gabe) geworden ist, einander zu überreden und uns selbst aufzuklären, worüber wir nur wollen, so haben wir nicht nur aufgehört, nach Art der Tiere zu leben, sondern auch durch Zusammentreten Städte gegründet, und uns Gesetze gegeben, und Künste erfunden, und beinahe alles, was durch uns mit Klugheit und Kunst zustande gebracht wurde, hat uns die Sprache ausführen helfen.“

Die Sophisten besorgten den Aufschwung der Rhetorik, und die politische Rhetorik wurde das Machtinstrument der Demokratie. Während die Sophisten glaubten, dass es im öffentlichen Streit der Bürger keine höhere Instanz als doxa (Meinung) gebe, setzte der elitäre Platon auf Wahrheit. Sein Weg zur Wahrheit: Ein philosophisches Exerzitium für ältere Herrschaften aus gutem Hause, bei dem er uneingeschränkt das Sagen hatte. „Der Weise soll führen und herrschen und der Unwissende soll ihm folgen“, forderte Platon.

Platon hatte alle Chancen gehabt, ein weltoffener Mann zu werden. Sein Lehrer Sokrates war ein Demokrat par exellence, ein gnadenloser Kritiker, der gleichwohl an der intellektuellen und sittlichen Überlegenheit der Demokratie festhielt und für diese Überzeugung sogar den Schierlingsbecher austrank. Je weiter sich Platon vom Einfluss des Meisters entfernte, desto größer wurde seine antiindividualistische Haltung und gipfelte in einer Verherrlichung des starken Staates: „Ich gebe meine Gesetze im Hinblick auf das, was für den gesamten Staat das Heilsamste ist, (...) denn ich stelle die Wünsche des Individuums mit Recht auf eine niedrigere Wertstufe.“

Gerecht ist beim späten Platon, was der Stabilität des Kollektivs, gewissermaßen der Volksgesundheit dient. Dazu gehört, dass alle an ihrem Platz bleiben: Sklaven als Sklaven, Wächter als Wächter, Oligarchen als Oligarchen: „Jede Einmischung und jeder Wechsel von einer Klasse in eine andere ist das größte Verbrechen gegen das Gemeinwesen und würde mit vollstem Recht als die niedrigste Schandtat bezeichnet werden.“ Platons Ideal waren gesellschaftliche Verhältnisse, die genauso stabil sein sollten wie seine ewigen Ideen. Allem Veränderlichen und damit auch der Veränderung selbst haftet in seinem Konzept etwas Mangelhaftes an. An einer Stelle im Buch „Gesetze“ heißt es: „Niemand, weder Mann noch Weib, soll jemals ohne Führer sein. Auch soll die Seele von keinem sich daran gewöhnen, etwas im Ernst oder auch nur im Scherz auf eigene Hand allein zu tun. Vielmehr soll jeder, im Kriege und auch mitten im Frieden, auf seinen Führer blicken und ihm gläubig folgen.“

Isokrates, dessen Rhetorikschule in direkter Konkurrenz mit Platons Akademie stand, erzog Selbstdenker und lehrte Rhetorik als Ausgang aus der politischen Unmündigkeit. Er fand Menschen kultiviert, wenn sie sich für handfeste Probleme gute Lösungen einfallen ließen. Seine Schüler bekamen die Leidenschaft zur praktischen Vernunft mit auf den Weg. Platon dagegen scheint die Unruhe selbstständigen Denkens im Grunde suspekt gewesen zu sein – zumindest, wenn sie nicht von (s)einer elitären Philosophie gezügelt wurde. Er hielt die Sophisten für „Mietlinge“ des Zeitgeistes.

Den antiken Konflikt zwischen Rhetorik und Wahrheit, öffentlicher Beratschlagung und unbedingter Herrschaft, individuellen Rechten und totalitärer Gerechtigkeit hat Sir Karl Raimund Popper 1944 auf eine Formel gebracht, die gleichzeitig Titel seines wichtigsten Buches ist: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Popper schrieb die etwas tendenziöse Abrechnung mit dem verhinderten Philosophenkönig Platon angesichts der Verheerung Europas durch einen ganz anderen Führer: „Mein Beweggrund ist in meiner Überzeugung zu suchen, dass wir, wenn unsere Kultur weiter bestehen soll, mit der Gewohnheit brechen müssen, großen Männern gegenüber unsere geistige Unabhängigkeit aufzugeben.“

Heute sind, um die glückliche Formulierung Poppers aufzugreifen, die Feinde der offenen Gesellschaft einige Nummern kleiner geworden als im antiken Athen und in Nazi-Deutschland – und wenn Jörg Haider ein unbedachtes Wort sagt, wird er sofort von der Wachsamkeit eines ganzen Kontinents umzingelt. Aber gleichzeitig sind die Ansprüche an die Demokratie gestiegen. Mit bloßer Sicherheit vor Totalitarismus oder Rechtspopulismus ist es nicht getan. Die Forderung nach Gerechtigkeit zählt dazu, die – weil sie so schwierig einzulösen ist – in die praktikable Formel „Gleiches Recht für alle“ umgebrochen wurde.

Gleiches Recht für Regierende und Regierte, Mächtige und Bemächtigte: An dieser Stelle hat der deutsche Affärenboom die tiefsten Wunden hinterlassen. Sensiblere Teile der Öffentlichkeit fühlen sich vor den Kopf gestoßen, weil Helmut Kohl als Kanzler vereidigt wurde, das Wohl des deutschen Volkes zu mehren, in der Praxis aber das Volk zur Partei schrumpfte und die Partei zum Befehlsempfänger. Richtig bohrend werden die Zweifel am demokratischen Niveau der vergangen vier Legislaturperioden dadurch, dass Helmut Kohl seine schiefe Amtsauffassung auch noch aus schwarzen Kassen finanziert hat und zur Krönung des Vorgangs sein Ehrenwort über die Verfassung setzte. Die Gesellschaft der Kohl-Ära wurde immer offener, ihr Machtzentrum immer verschlossener – beide Entwicklungen sind charakteristisch: Über den Kindern der Freiheit zog ein Patriarch die Fäden.

Rhetoriker sind allergisch gegen zweifelhafte Autoritäten und Konjunkturen verbaler Windbeutelei. Ordentliche Rhetoriker dulden keinen Spruch ohne Einspruch, keine Weisung ohne Zurückweisung. Sie sind nicht zufrieden, wenn etwas fest steht, wenn es keine Optionen mehr gibt, wenn Wahrscheinlichkeit in Wahrheit verwandelt wird. Das Herrschaftssystem Kohl war gekennzeichnet vom Niedergang des rhetorischen Gebrauchs politischer Vernunft in öffentlichen Angelegenheiten (und schon wird behauptet, dass Schröders Erfolgskonzept in der Nachahmung Kohlscher Praktiken besteht). Einer der begabtesten Rhetoriker, Wolfgang Schäuble, kuschte vor seinem Chef. Ein anderer, Heiner Geißler, wurde davon gejagt. Ein dritter, Richard von Weizsäcker, hat einiges bewirkt – als er als Bundespräsident außer Reichweite des Alten war.

Wir nehmen an, dass die CDU in der Opposition die Rhetorik wiederentdeckt (Regierungsmacht scheint ja in Deutschland Redetalente zu verschleißen – der einst großartige Joschka Fischer zeigt es). Die Hoffnungen ruhen nun auf dem neuen Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz. Er wurde 1996 nach einer Rede zum Thema: „Achtung und Respekt vor den Älteren im Parlament – zerstört diese Einstellung die Streitkultur der Politik?“ zum besten Nachwuchsredner des Parlaments gekürt. Sein Fazit damals: Weil die Jüngeren nicht ernst genommen werden, müssen sie Streit mit den Alten anfangen. Mal sehen, wie ihm das als Chef gefällt. Denen, die heute jung sind, hilft vielleicht ein Buch, das der Internetz-Buchhändler amazon.de unter dem Stichwort Rhetorik anbietet: „So werde ich Helmut Kohl. Grund- und Aufbauwortschatz Bundestag.“

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