Berliner Zeitung vom 26.5.1998
Brandenburg

Libeskind will die Geometrie des Terrors durchbrechen

Auch Oranienburg ist nun für den Plan des Architekten auf dem einstigen SS-Gelände
Einwände hat nur der Denkmalschutz

von Susanne Lenz

Die einstige Villa des Lagerkommandanten Eicke liegt idyllisch in einem Wäldchen. KZ-Häftlinge mußten sie bauen. Nun verfällt sie. Aus ihren Mauern wachsen junge Birken. Nebenan stehen marode Kasernen, auf dem Gelände wuchert Unkraut. Seit Anfang der 90er Jahre wird über die Zukunft des SS- Geländes in Oranienburg-Sachsenhausen debattiert. Soll es unverändert unter Denkmalschutz gestellt werden oder können darauf Wohnhäuser gebaut werden? Zwischen diesen Alternativen bewegte sich die Diskussion. Mühevoll haben sich nun die Stadt, die Gedenkstätte und der amerikanische Architekt Daniel Libeskind einander angenähert. Libeskind möchte die Symmetrie der Anlage mit einem Neubau durchbrechen. Doch dagegen hat der Denkmalschutz Bedenken.

Nazi-Architektur

Die Anlage des KZ Sachsenhausen verkörperte die Ideologie der Nationalsozialisten. Der SS-Architekt Kuiper entwarf Mitte der 30er Jahre ein Lager in Form eines Dreiecks, dessen Bauten er nach einer Geometrie des totalen Terrors anordnete. Von Turm A an einer Seite des Dreiecks sollte man mit einem einzigen Maschinengewehr das gesamte Häftlingslager kontrollieren können. Diese Dreiecks-Geometrie setzte sich in der Verknüpfung des KZ's mit dem SS-Truppenlager, der Kommandantur und den Häusern für die SS-Offiziere fort. Bis zur Wende sei die ideologische Bedeutung der Gesamtanlage verkannt worden, sagt der Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch. Die Stiftung setzte sich dafür ein, das Gelände unter Denkmalschutz zu stellen.

1993 schrieb die Stadt einen Architekturwettbewerb aus. Auftrag war die "Urbanisierung" des 44 Hektar großen Geländes. Ausgezeichnet wurde der Entwurf eines Wiener Architekten, der Wohnhäuser, Schulen und Sportanlagen auf dem Areal vorsah. Daniel Libeskind, der in Berlin den Neubau für das jüdische Museum plante, ignorierte die Vorgaben der Stadt völlig. Der Wohnungsbau würde den Raum trivialisieren, argumentierte er. Er schlug vor, historische Gebäude abzureißen und das Gelände zu einem großen Teil zu fluten.

SS-Gelände
Provokanter Entwurf

Das einstigeSS-Truppenlager in Oranienburg umfaßt etwa 44 Hektar. Hier stehen Kasernen, die Villa des Kommandanten und der Exerzierplatz.

Zu DDR-Zeiten wurden die Gebaüde zum Teil von der NVA genutzt. Seit der Wende stehen viele leer. Andere dienen als Lager oder Gewerberäume.

Für die "Urbanisierung" des Geländes lobte die Stadt 1993 einen Architekturwettbewerb aus. Gebaut werden sollten Wohnungen, Schulen und Kitas..

Daniel Libeskind ignorierte diese Vorgabe. In seinem provokanten Entwurf schlug er vor, historische Gebäude abzureißen und das Gelände zu fluten.

Für diesen Entwurf gab es einen Sonderrang, aber keine Zustimmung von Stadt und Gedenkstätte. Jetzt haben sich die Parteien einander angenähert.


Der Libeskind-Entwurf für das ehemalige SS-Gelände in Oranienburg
Obwohl die Stadt den Libeskind-Entwurf ablehnte, blieb man im Gespräch. Die Stadtverwaltung habe allmählich Zweifel über die Bebauung des Areals mit Wohnhäusern entwickelt, sagt der Chef des Oranienburger Planungsamtes, Christian Kielczynski. "Libeskind hat mit seiner Provokation bei uns einen Denkprozeß eingeleitet." Dabei hat möglicherweise nicht allein das neuentdeckte Verantwortungsbewußtsein für die Geschichte den Ausschlag gegeben, sondern auch der Name Libeskind und die Tatsache, daß sich der Investor von dem Plan des Österreichers abwandte, nachdem er sich über die Vergangenheit des Areals informiert hatte.

Auch Libeskind rückte von seiner Ursprungsidee ab. Es habe einen langen Prozeß des Aufeinanderzugehens gegeben, sagt Martin Ostermann, der im Büro Libeskind das Projekt betreut. "Auch wir haben dabei gelernt." Die Gebäude, die im See verschwinden oder abgerissen werden sollten, sieht der Architekt heute als notwendigen Kontrapunkt zu seiner Arbeit. Deren Kern besteht in einem langgezogenen Neubau, der sich wie ein Fremdkörper in das Gelände hineinschiebt. Dieser "hope incision" (Hoffnungseinschnitt) will mit voller Absicht die Geometrie der Gesamtkomposition durchbrechen. In dem Gebäude soll es Gewerberäume geben, wobei ein Tischler willkommen wäre, ein Fitneß-Studio eher nicht. Tagungen und Begegnungen könnten hier stattfinden. "Damit würde etwas Positives auf dem Gelände entstehen, das in die Zukunft weist und nicht nur den Blick in die Vergangenheit lenkt", sagt Ostermann.

Selbst die Gedenkstättenstiftung, die das Konzept zunächst abgelehnt hatte, ist heute begeistert. "Wir haben eingesehen, daß es Sinn hat, durch Verfremdung auf die Authentizität des Geländes hinzuweisen", sagt Günter Morsch. Das Konzept stelle einen völlig neuartigen Umgang mit einem "Täterort" dar, das Oranienburg international Aufmerksamkeit verschaffen werde.

Allein der Denkmalschutz sieht das Libeskind-Konzept kritisch. Bei der Unteren Denkmalbehörde gilt das Thema als "heißes Eisen", wie eine Mitarbeiterin sich ausdrückt. Eine Bewertung möchte man dazu lieber nicht abgeben. Niemand traue sich, zu Libeskind Nein zu sagen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Das Landesdenkmalamt hat weniger Hemmungen. Durch Form und Lage würde das neue Gebäude die bereits vorhandenen dominieren. Damit wäre der "Zeugniswert des Geländes in seiner Erlebbarkeit erheblich gemindert", heißt es in einer Stellungnahme.

Politische Entscheidung

Weder die Stadt noch Libeskind sehen die Möglichkeit zu einem Kompromiß, da der "hope incision" als Kern des Konzepts gilt. "Wir müßten uns dann zurückziehen", sagt Ostermann. Doch auch der Denkmalschutz sieht keinen Grund, von seiner Position abzuweichen. So wird es wohl eine politische Entscheidung über das einstige SS-Truppenlager geben. Denn wenn sich Stadt und Denkmalbehörden nicht einigen können, hat das letzte Wort der Kulturminister.


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