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Die Mehrheit der nichtjüdischen Deutschen aber fühlt sich außerstande, Kritik an Juden, an deren Produkten oder Aktionen, so zu formulieren, daß diese nicht mißverstanden wird. Sie sieht sich selbst als potenzielles Opfer korrekter Gedankenpolizisten und sympathisiert in diesem Punkt mit dem zur Abbitte genötigten Großmaul Möllemann. Sie akzeptiert das Argument der Formaldemokraten, nichtrassistische Kritik an einem Scharon oder Friedman sei ja gestattet, nicht - aus persönlicher Schere-im-Kopf-Erfahrung. Ihr fehlen im Konflikt zwischen philosemitischem Code und grurnmelnder Privatempfindung die eigenen Worte. Darf man zum Beispiel "Juden" sagen - sind das keine Deutschen? Oder "jüdische Mitbürger"? Klingt distanziert. Oder "deutsche Juden"? Das grenzt Nichtdeutsche aus., "Jüdische Bürger"? Oder "Jüdinnen und Juden", wie sich Lea Rosh das traut? Möllemann hat jüngst bei seinern Buß-Salto "jüdische Menschen" gesagt, also die Grenze zum Tier erkannt. Hallo Fettnapf! Von solchen Eiertänzen ist die drucksende Mehrheit genervt. Sie will den ideologischen, das heißt historischen Kontexten der Vokabeln entkommen, sich nicht dauernd absichern müssen. Schließlich hat sie doch, der zweiten, dritten, vierten Nachkriegsgeneration entstammend, mit "all dem" persönlich nichts zu tun. ![]() |
Hanna Loewy versammelt in "Taxi nach Auschvvitz" (Philo) eigene literarische Feuilletons aus der Sicht der zweiten Opfergeneration. In "Opa war kein Nazi" (Fischer) analysieren drei Autoren die Oberlieferung des Tätervolkes. Der Holocaust habe "keinen systematischen Platz im deutschen Familiengedächtnis", das die "primäre Quelle für das Geschichtsbewußtsein" sei. Vielmehr entspringe seine Erzählung extemen Quellen: den Filmen, dem Unterricht der Gedenkstättenarbeit. Das sei etwas anderes "als die selbstverständliche Gewißheit, die man als Mitglied einer Erinnerungsgemeinschaft über deren eigene Vergangenheit hat."
Als vor drei Jahren der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann eine riesige Holocaust-Bibliothek am Berliner Mahnmal-Stelenfeld bauen wollte, höhnten seine Kritiker, "eine Million Bücher" zu diesem Thema gebe es gar nicht (doch die Produktivkraft der Selbstreferenz hält an, auf Kritik am Shoah Business folgt bald die Kritik der Kritik - usw.). Nicht zuletzt aber manifestierte sich in Naumanns Idee das Wir-sind-die Guten-Image der Berliner Republik: Zum Objekt der Erinnerung wird die Erinnerung selbst; die Täter waren die anderen. Die Generationen nachgeborener Täterkinder sind gespalten: zwischen dem formalen Verantwortungsauftrag und ihrem gegenläufigen Gefühl, persönlich nicht haftbar zu sein. Aber auch Nachkommen der Opfer entkommen den eigenen Spaltungen schwer. Als Deutsche fühlen sie sich angegriffen, wo sie mit Israel identifiziert werden; als Juden wollen, müssen sie sich mit Israel solidarisieren; als Überlebende können sie den nervenden Erinnerungs-Komplex nicht bagatellisieren. Solche internen Spannungen und der fortexistierende Riß zwischen beiden Gruppen quer durchs Volk stehen im Widerspruch zu dem historisierenden Optimismus, mit dem das rot-grüne Projekt die Kohl-Ära ablösen wollte. Soviel gegenwärtige Vergangenheit war nicht vorgesehen. Vor fünf Jahren publizierte der jüdische Verlag im Suhrkamp Verlag "Zwei Fälle zum Thema Bewältigung der Vergangenheit". Die Therapeutin Anna Maria Jokl hatte Anfang der 60er Jahre in Berlin einen Mann behandelt, der in einem NS-Intemat aufgewachsen war, und parallel einen anderen, der als Kind im Höhlenversteck unter einem polnischen Kuhstall überlebte. Beide Patienten empfanden sich in ihren Träumen als Opfer und Täter. Beide hatten das Nazi-Bild vom"uden" als Selbst- und Fremdbild internalisiert. "Die Beziehung zwischen dem Mörder und dem Gemordeten ist eine der intensivsten und pflegt weiterzuschwelen, bis eine Lösung gefunden ist," schrieb Anna Maria Jokl. Doch lebt heute die dritte, vierte Nachkriegsgeneration in der Wunschvorstellung, daß mit dem Abtreten der Älteren jede biografisch aufgeladene Lösungssuche erledigt sei. Ihre eigene emotionale Verbindung zu dieser Historie war zuvor schon, mit dem familiären Verstummen der oral history, abgestorben. Durch solche Verdrängung wird das Krankheitsbild der "Zwei Fälle" freilich nicht geheilt. Es wird tradiert. Wo den Betroffenen ihr persönlicher Bezug unklar bleibt rnuß ihnen der Vollzug schuldbewußter Rituale als Fremdbestimmung erscheinen
Nun wird Ende Juni, wenn Walsers "Tod eines Kritikers" erscheint, die Nation nach der jüngsten Antisemitismus-Hysterie zur individuellen Abstimmung antreten: über den Nie-wieder-Antisemitismus-Grundwert und die Priorität der Marktwirtschaft. Die
Möllemann-Walser-Inszenierung, an der Westerwelle samt Stellvertreter, der Dichter, sein Suhrkarnp-Verlag und ein FAZ-Herausgeber beteiligt waren, hat ja vor allem gezeigt, wie mit Antisemitismus Marketing zu mahen ist. "Damals die Kleider, die Schuhe, die Haare und die Goldzähne - jetzt Wahlstimmenfang und Bücherpromotion", kommentiert Wolf Biermann im "Spiegel" das Kalkül der Beteiligten. Es wäre für alle, denen die Sache wirklich wichtig ist, sehr leicht zu beweisen, daß so eine Strategie nicht aufgeht. Wer muß denn unbedingt ein Buch kaufen, von dem alle Kritiker sagen, es
sei schlecht, und über das die Kritiker-Mehrheit befindet, es spiele mit judenfeindlichen Ressentiments (was durchaus an den langen unlektorierten Zitaten in der "Welt" und an den kurzen im Tagesspiegel zu erkennen war)? Wer das Buch lesen muß, als Wissenschaftler, könnte es sich aus dem lntemet raubkopieren. Wer die juristische Keule des Verlages fürchtet (1200 Also: Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Walser! Etwa so? - Ja. Nur darf man das nicht laut schreiben (wegen ähnlich klingender Aufrufe, Anno '38). Hallo Kontext! Ach, der arme Martin Walser. Soll er doch in Frieden am Bodensee seine Honorare verzehren. Sein Buch aber wird sich verkaufen. Wetten, daß es der philosernitisch grundierte Bürger, auf Grund freiheitlicher Zensurallergie und untergründiger Befindlichkeit, gar nicht aushält, sowas nicht zu kaufen? Eine Polit-Farce, eine Kulturbetriebs-Soap, ein Psychodrama. So sehen wir aus.
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