Interview:
"Nur töten kann er nicht"
René Visser, Computer-Viren-Forscher bei Symantec, über Nebenwirkungen der Daten-Killer
René Visser: "Alle Viren, die wir kennen, sind von Männern geschrieben worden."
René Visser: Computer-Viren sind im Prinzip nichts anderes als kleine Programme, die sich wie biologische Viren selbst vermehren. Sie sind fähig, andere Computer zu infizieren, genauso wie Menschen andere Menschen anstecken können. Ein Virus kann nur sein zerstörerisches Werk beginnen, wenn ein von ihm infiziertes Programm gestartet wird. Wenn er einmal einen Computer befallen hat, kann er dort alles mögliche anstellen. Zwischen den beiden Erregern gibt es aber einen großen Unterschied: Ein biologischer Virus kann den Tod eines Menschen verursachen. Der Computer-Virus kann aber keinen Computer töten.
Red: Wieviele Virenarten gibt es?
René Visser: Gegenwärtig kennen wir etwa 15 000 unterschiedliche Computerviren, und täglich kommen neue dazu.
Red: Sind die Anti-Viren-Entwickler machtlos gegen die Flut im Netz?
René Visser: Viren auf einem PC sind schlimm, Viren im Netz sind aber schlicht eine Katastrophe. Nur wenige Dinge sind so so lästig wie eine weitverbreitete Viren-Infektion im Netz. Es ist tatsächlich sehr schwer, sie zu stoppen. Der hundertprozentige Schutz besteht darin, keine Daten auszutauschen. Weil das aber meist nicht geht, sollten die Anwender nur geschützt verkehren. Dies bedeutet im Klartext, keine Datensätze herunterzuladen, bevor sie nicht auf Viren gescannt sind. Außerdem brauchen wir eine weltweite Gesetzgebung, die das Entwicklen eines Virus' als illegal erklärt und auch strafrechtlich verfolgt.
Red: Wie hoch schätzen Sie die Verluste durch Viren-Attacken?
René Visser: Untersuchungen zeigen, daß mehr als 60 Prozent der Untemehmen weltweit irgendeine Art von Daten-Verlust wegen eines Virus-Angriffes erlitten haben. Der Schaden durch die verlorene Arbeitszeit ist immens.
Red: Wie lange brauchen Sie, um ein wirksames Gegenmittel für einen neuen Virus zu entwickeln?
René Visser: Das ist von Erreger zu Erreger unterschiedlich. Die meisten Viren, mit denen wir es zu tun bekommen, sind Makro-Viren, die vorwiegend Word-Dokumente befallen. Ihre Entdeckung und Reparatur dauert bei uns so etwa eine Stunde. Bei vollständig neuen Arten von Viren kann es manchmal bis zu zwei Tagen dauem, ehe wir einen Impfstoff gegen den Virus finden.
Red: Gibt es Versuche, Computern mehr natürliche Immuneigenschaften zu verleihen?
René Visser: Es hat einige Bemühungen gegeben, eine Anti-Virus-Karte in den PC zu integrieren. Dieser Versuch ist gescheitert, weil der Anwender kein Bedürfnis für diese zusätzliche Hardware sah.
Red: Wie würden Sie die Programmierer von Viren definieren?
René Visser: Die Szene der Virenschreiber ist ausgesprochen aktiv. Mittlerweile ist eine eigene Subkultur entstanden. Virenentwickler sind männlich und zwischen 14 und 21 Jahre alt. Wenn sie erwachsen sind, hören sie auf, Viren in Umlauf zu bringen. Viren werden meistens geschrieben, um Freunden zu imponieren. Ziel ist es, möglichst unter dem jeweiligen Namen bekannt zu werden. Je mehr Schäden ein Virus verursacht, je stärker es sich verbreiten kann, desto berühmter wird sein Schöpfer.
Red: Die meisten Computerviren tragen Männernamen - mit Ausnahme des "Lady Di-Virus".
René Visser: Computerviren bekommen ihre Namen von der Anti-Virus-Industrie. Wir versuchen, die Namen die benutzt werden, zu vereinheitlichen. Der "Lady-Di-Virus" wird so genannt, weil er im Internet den Song "Candle in the wind", den Elton John zu Ehren Lady Dianas gechrieben hat, zerstört.
Red: Wie arbeitet ein Virenscanner?
René Visser: Die Antivirus-Software vergleicht jede Datei mit einer Datenbank mit Tausenden von "Fingerabdrücken". Wenn sie eine Übereinstimmung findet, weiß die Software, mit welchem Virus sie es zu tun hat, säubert die Datei und stellt die ursprüngliche Struktur wieder her. Falls eine Datei der Datenbank zufolge "clean" ist, muß sie den "Bluthund-Scanner" passieren. Der nimmt die Datei auseinander und untersucht jeden Teil. Wenn er einen neuen Virus findet, versucht er alle Angaben zu sammeln, um den Erreger zu vemichten. Wenn er die Infos nicht bekommt, wird er die Datei nicht reparieren, weil es sonst zu Datenverlust kommen könnte. Der Kunde kann den PC dann zu einer Forschungsabteilung schicken, wo spezielle "Detektive" sie innerhalb einiger Stunden reparieren werden.
Die Fragen stellte Kameran Fatah