© Neue Zürcher Zeitung, 19.1.1999 Nr. 14
Comeback Walter Mompers in Berlin
Spitzenkandidat der SPD im beginnenden Wahlkampf

Bei der Urabstimmung der Berliner SPD-Basis hat der ehemalige Regierende Bürgermeister Walter Momper über den von der Parteiführung favorisierten Mitbewerber Klaus Böger deutlich gesiegt. Momper will nun versuchen, im Oktober dieses Jahres die jetzige große Koalition durch eine rot-grüne Regierung abzulösen


hau, Berlin, 18. Januar 1999
Mit einer klaren Entscheidung für Walter Momper als Spitzenlandidaten der Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im Oktober hat die SPD-Parteibasis am Sonntag gegen ihre Führung gestimmt. Sìe hat damìt dem vor Jahren ins polìtische Abseits geratenen ehemaligen Regierenden Bürgerrmeister eine zweite Chance gegeben, die CDU als führende Kraft der deutschen Hauptstadt abzulösen. Der 54jährige Momper hatte schon einmal 1989 eine rot-grüne Koalition ans Ruder gebracht, dìe jedoch im Dezember 1990 abgewählt wurde. Sein nachfolgendes Engagement in der Baubranche kostete ihn den Parteivorsitz in Berlin, und ein versuchtes Comehack blieb 1994 erfolglos. Wer ihn trotzdem schätzte, nannte ihn unkonventionell, seine zahlreichen Gegner tadelten ihn als arrogant und selbstherrlich. Wenig Wunder, daß die meisten hiesigen SPD-Politiker bei der Wahl Mompers zum Spitzenkandidaten am Sonntag seinen Konkurrenten unterstützten, den als gemäßigt geltenden Fraktionsvorsitzenden Klaus Böger. Doch 5.827 Genossinnen und Genossen in dem Ortsverbänden entschieden sich mit 57,2 Prozent der abgegebenen Stimmen für den ungeduldigen Aussenseiter Momper, der im Trubel des Mauerfalls 1989 mit seinem roten Schal nicht nur für sich, sondern auch für die wiedervereinigte Stadt ein überzeugender Sprecher gewesen war.

Wechsel in der Berliner Parteiführung

Der Wahlkampf wird spannend werden, sagt Freund wie Feind. In der eigenen Partei bangen viele Gegner Mompers um ihre Posten. Der unterlegene Kandidat Böger soll zwar als Nummer zwei bestätigt werden, aber der SPDLandesvorsitzende Detlef Dzembrizki und der Geschäftsführer Norbert Meisner sind beide schon zurückgetreten. Nach einer Sitzung des Berliner Parteivorstandes sagte Dzembritzki, allein der Verdacht mangelnden Vertrauens zwischen dem Vorsitzenden und dem Spitzenkandidaten könne die Geschlossenheit der SPD an der Spree gefährden. Dzembritzki empfahl sogar, Momper zum Vorsitzenden zu machen.

In der Gunst der Wähler liegt die SPD weiter vorn. Umfragen sehen sie zur Zeit bei 35 Prozent der Stimmen gegenüber 29 für die CDU, 14 Prozent für die PDS und 13 für Bündnis 90 / Die Grünen. Alle anderen Parteien werden an der Mindestquote scheitern. Zu dieser guten Ausgangsposition gesellen sich bei den Wählern Gefühle, die denen bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst ähneln. Von dem kurzen rot-grünen Intermezzo 1989/90 abgesehen, ist Eberhard Diepgen für die CDU seit 1984 im Spitzenamt der Stadt, das ihn verbraucht hat. Auch bei seiner Partei hat die Kraft nicht ausgereicht, die durch díe Wiedervereinigung der beiden Stadthälften entstandenen Probleme dynamisch genug anzugehen. Die Verjüngung ist ausgeblieben, so daß die Routiniers weiter den Ton aogeben. Das gilt zwar für alle Parteien, doch trägt in der öffentlichen Meinung vornehmlich die CDU daran Schuld, daß sich die überfälligen Reformen nur quälend langsam voranbewegen.

Mehr Chancen - oder weniger?

An seiner jüngsten Pressekonferenz verprach Diepgen, bis zur Wahl wenigstens die Privatisierung der Wasserwerke, den Ausbau des Flughafens Schönefeld und die Reform der Krankenhausversorgung parlamentarisch abzuschließen. Der seit 1990 im Budget praktizierte Vorrang Ostberlins solle zugunsten der westlichen Stadtbezirke abgeschwächt werden. Die SPD setzte daraufhin andere Akzente und bezeichnete das ungeliebte Bündnis mit der CDU als eine Koalition der Notwendigkeit, die zwar viel Nützliches angeschoben habe, jedoch am 10. Oktober 1999 durch eine rot-grüne Regierung abzulösen sei. Lokalzeitungen sehen angesichts der finanziellen Dauerkrise wenig Gestaltungsspielraum für die Stadtverwaltung, gleich ob von CDU oder SPD geführt.

Doch langweilig ist die Politik ohnehin nicht in einer Stadt, in der Proteste gegen die geplante Schließung von Krankenhäusern im Zuge der überfälligen Reform mittlerweile ungewöhnliche Züge aufweisen. Den Auftakt bildeten ganzseitige Zeitungsaufrufe zugunsten bedrohter Kliniken. Unter Glockengeläut gingen sodann Nonnen mit Trillerpfeifen auf die Straßen und mobilisierten Sympathisanten. CDU-Gremien gaben Garantieerklärungen für gefährdete katholische Institutionen ab. Krankenkassen drohten mit der Vertragskündigung für bestimmte Kliniken, und in der Koalition knirschte es wieder einmal hörbar. Alle Betroffenen räumten ein, die aus politischen Gründen entstandene Überversorgung mit Krankenhausbetten müsse abgebaut werden - nur auf wessen Kosten? Es ist Sache Diepgens und des Senats, die Wogen wieder zu glätten. Doch schon jetzt haben CDU und SPD damít begonnen, sich Versäumnisse und Fehler vorzuwerfen, obwohl diese durchweg gemeinsam begangen wurden und als Hypothek akzeptiert werden müssen. Der Wahlkampf könnte dies noch steigern. Und Momper war früher eher für einsame Entscheidungen gut als für diplomatischen Konsens. Ohne einen solchen wird er freilich keine geschlossene SPD im Wahlkampf hinter sich und somit auch weniger Chancen im Oktober haben.


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    auf der Veranstaltung des Vereins "Soziale Demokratie Berlin Brandenburg 2000" am 29.10.1998 im Willy-Brandt-Haus
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