Kölner Stadt-Anzeiger vom 8. August 1997

Bohrende Fragen

Benns "Die Antwort" in den Freien Kammerspielen Linie
Kunst als die eigentliche metaphysische Tätigkeit des Menschen: Diese Forderung, übernommen aus Nietzsches Artistenevangelium, bildet das Zentrum von Gottfried Benns Schriften. In Fragmente zerlegt und neu komponiert, dienen Benns Essays und autobiographische Prosastücke als Textgrundlage von Rolf Wißkirchens Inszenierung "Die Antwort" in den "Freien Kammerspielen Köln".
Dieser einstündige Dialog ist ein Wechselspiel aus Wißkirchens bohrenden Fragen und Benns beharrenden Antworten aus "Doppelleben" und dem "Lebensweg eines Intellektualisten". Der Statik und Isolation Bennscher Kunstauffassung entsprechend inzeniert Wißkirchen die Wechselrede als einen inneren Monolog:
Beide Stimmen spricht, reglos in der Mitte der verfinsterten Bühne verharrend, der Schauspieler Marlin Wick. Zunächst meditativ, später mit reich differenziertem und gesteigertem Ausdruck, hämmert er die Bennschen Kardinalthemen aus dem Dunkel.

Der abendländische Nihilismus, die Feindschaft von Kunst und Bürgertum, die Überlegenheit der Dichtung gegen die Politik: Benns Getriebenheit beim Stöbern in den Ruinen der abendländischen Metaphysik gewinnt hier neue Schärfe und ein trotziges Leben in einer Zeit, die über diese Getriebenheit hinweggegangen scheint.

(och)

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