Der Handstand auf der Loreley
aus:
"Was nicht in Euren Lesebüchern steht" von und mit Holger Münzer
Text: Erich Kästner
Komposition: Holger Münzer (Erste Fassung 1972)
Gesang: Holger Münzer (1976)
Es gibt auch eine
zweite Fassung für Werner Schneyder
(aus: Zeitgenossen haufenweise)
Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer, mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.
Wir wandeln uns, die Schiffer inbegriffen.
Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.
Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,
bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.
Nichts desto trotz geschieht auch heutzutage
noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.
So alt ist keine deutsche Heldensage,
daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.
Erst neulich machte auf der Loreley,
hoch überm Rhein, ein Turner einen Handstand.
Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei
als er kopfüber oben auf der Wand stand.
Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.
Mit hohlem Kreuz und lustbetonten Zügen.
Man frage nicht, was hatte er für Gründe?
Er war ein Held, das dürfte wohl genügen.
Er stand, verkehrt, im Abendsonnenscheine.
Da trübte Wehmut seinen Turnerblick:
er dachte an die Loreley - von Heine
und stürzte ab und brach sich das Genick.
Er starb als Held. Man muß ihn nicht beweinen.
Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.
Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen
ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt.
P.S: Eins wäre allerdings noch nachzutragen:
der Turner hinterließ uns Frau und Kind.
Hinwiederum man soll sie nicht beklagen,
weil im Bezirk der Helden und der Sagen
die Überlebenden nicht wichtig sind.
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