Hunger ist heilbar
aus:
"Was nicht in Euren Lesebüchern steht" von und mit Holger Münzer
Text: Erich Kästner
Komposition: Holger Münzer (1972)
Gesang: Holger Münzer (1976)
Es kam ein Mann in’s Krankenhaus
und erklärte, ihm sei nicht wohl.
Da schnitten sie ihm den Blinddarm heraus
und wuschen den Mann mit Karbol.
Befragt, ob ihm besser sei, rief er: „Nein.“
Sie machten ihm aber Mut
und amputierten sein linkes Bein
und sagten: „Nun geht’s Ihnen gut.“
Der arme Mann hingegen litt
und füllte das Haus mit Geschrei.
Da machten sie ihm den Kaiserschnitt,
um nachzusehn, was denn sei.
Sie waren Meister in ihrem Fach
und schnitten sogar ein Gesicht.
Er schwieg. Er war zum Schreien zu schwach.
Doch sterben tat er noch nicht.
Sein Blut wurde freilich langsam knapp.
Auch litt er an Atemnot.
Sie sägten ihm noch drei Rippen ab.
Dann endlich war er tot.
Der Chefarzt sah die Leiche an.
Da fragte ein andrer, ein junger:
“Was fehlte denn dem armen Mann?“
Der Chefarzt schluchzte und murmelte dann:
“Ich glaube, er hatte nur Hunger.“
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