Jahrgang 1899
aus:
"Was nicht in Euren Lesebüchern steht" von und mit Holger Münzer
Text: Erich Kästner
Komposition: Holger Münzer (1972)
Wir haben die Frauen zu Bett gebracht
als die Männer in Frankreich standen.
Wir hatten uns das viel schöner gedacht.
Wir waren nur Konfirmanden.
Dann holte man uns zum Militär,
bloß so als Kanonenfutter.
In der Schule wurden die Bänke leer.
Zu Hause weinte die Mutter.
- Dann gab es ein bißchen Revolution
- und schneite Kartoffelflocken,
- dann kamen die Frauen wie früher schon;
- und dann kamen die Gonokokken.
- Inzwischen verlor der Alte sein Geld,
- da wurden wir Nachtstudenten.
- Bei Tag waren wir büroangestellt
- und rechneten mit Prozenten.
- Dann hätte sie fast ein Kind gehabt,
- ob von mir ob von dir - was weiß ich!
- Das hat ihr ein Freund von uns ausgeschabt.
- Und nächstens werden wir dreißig.
- Wir haben sogar ein Examen gemacht
- und das meiste schon wieder vergessen.
- Jetzt sind wir allein bei Tag und bei Nacht
- und haben nichts Rechtes zu fressen.
- Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt,
- anstatt mit Puppen zu spielen.
- Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt,
- soweit wir nicht vor Ypern fielen.
Man hat unsern Körper und hat unser Geist
ein wenig zu wenig gekräftigt.
Man hat uns zu lange, zu früh und zumeist
in der Weltgeschichte beschäftigt.
Die Alten behaupten, es würde nun Zeit
für uns zum Säen und Ernten.
Noch einen Moment. Bald sind wir bereit.
Noch einen Moment. Bald ist es soweit.
Dann zeigen wir euch, was wir lernten.
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