Das Leben ohne Zeitverlust
aus:
"Gesang zwischen den Stühlen" von Holger Münzer
Text: Erich Kästner
Komposition: Holger Münzer (1972) - Playback
Manche Frauen lieben kranke, blasse Dichter.
Dagegen hab ich nichts.
Manche Frauen glüh'n beim Anblick roter Mordgesichter.
Dagegen hab ich nichts.
Andre Frauen lodern auf bei jungen Männern.
Wieder andre ludern gern mit kalten Kennern.
Dagegen hab ich nichts.
Mein Herz hat mehr als eine off'ne Tür.
Deshalb hab ich nichts dagegen.
Doch ich hab auch nichts dafür!
Ich hab mein Leben lang
nur einen Mann geliebt.
Und ich hab Glück gehabt,
daß es ihn gab und noch gibt.
Ihm bin ich zugetan,
ob es Tag ob es Nacht ist.
Ich liebe stets den Mann,
der grad an der Macht ist.
Ob er nun Staatsmann ist, ob Börsenheld, ob Krieger.
- Ich liebe den Sieger!
Drum kann gescheh'n was will, ich liege immer richtig.
Und bei der Liebe ist das besonders wichtig.
Man hat mich im Verdacht,
ich liebte das Neue.
O nein. - Ich lieb nur die Macht
und halt ihr die Treue!
Wer die Macht verloren hat, soll untergehen.
Dagegen hab ich nichts.
Wenn er will kann er auch zitternd um Erbarmen flehen.
Dagegen hab ich nichts.
Meinetwegen kann er Memoiren schreiben.
Oder sich erschießen oder leben bleiben.
Dagegen hab ich nichts.
Die neuen Männer träumen schon von mir!
Deshalb kann's mir einerlei sein,
ob er tot ist oder hier.
Nun ja die Erde ist
ein großer Wandelstern.
Und nach den neuen Herrn
kommen noch neuere Herrn...
Bis schließlich jener kommt,
welcher stets an der Macht ist!
Er reißt mich in den Arm,
ob's dann Tag, ob's dann Nacht ist!
Er wird kein Staatsmann sein,
kein Schieber und kein Krieger,
und trotzdem der Sieger!
Und auf dem Stein soll steh'n: "Nun liegt sie wieder richtig.
In dieser Lage
ist das besonders wichtig.
Es war nicht angebracht,
daß sie etwas bereute.
Sie liebte nichts als die Macht
und tut es noch heute!"
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