"Amanda"
aus dem Chanson-Zyklus: "Rinnsteinlieder"
Text: Erich Mühsam (1864-1929)
Musik: Holger Münzer (1979), Gesang: Katja Nottke
Niemals ist es zu empfehlen,
daß sich eine Maid, die liebt,
ohne ihm sich zu vermählen
einem Mann zu eigen gibt.
- Denn die Männer sind doch schließlich
- Leute, denen nicht zu trau’n,
- und die Folgen sind verdrießlich
- ganz alleine für die Frau’n.
- Laßt euch einen Fall berichten
- wo dies klar zutage tritt,
- und wer Töchter hat und Nichten
- sei durch ihn gewarnt hiermit.
Eine Maid hat er betroffen,
die stets keuschen Sinn bewies,
die das Beste ließ erhoffen,
und die nur Amanda hieß.
- Doch als Leid auf Leid sich häufte
- ward zuletzt sie so bedrängt,
- daß sie erst ihr Kind ersäufte
- und sich selber dann erhängt...
- Einem Mann nur war’s gelungen
- der Verführten sich zu freu’n,
- doch sie hatt’ sich ausbedungen,
- Daß er sie zum Lohn sollt frei’n.
- Und so harrte sie der Heirat,
- doch als sie die Zeit fühlt nah’n,
- da entschwand auf einem Zweirad
- jäh der saubere Galan.
Ganz geheim und beistandsohne
unter Wimmern und Gekrächz
gab sie’s Leben einem Sohne
und zwar männlichen Geschlechts.
- Ihre Stunde war vorüber
- und verhallt der grause Schrei:
- ach, sie wollte wahrlich lieber
- draufgegangen sein dabei.
- Erst noch war sie sehr erschüttert
- und der Tränen manche floß,
- aber dann ward sie erbittert
- auf den schnöden Bettgenoß,
- welcher sie im Stich ließ meuchlings
- ohne Geld und Unterhalt.
- Wütend um den Arm des Säuglings
- war Amandas Faust gekrallt.
- „Wovon soll ich dich nun kleiden,
- und womit dich pflegen, Kind?
- Sage mir, wo ich uns beiden
- Bleibe, Kost und Wartung find’!
- Menschen, fremd und angehörig
- stoßen mich von ihrer Tür,
- sagen, eine Dirne wär’ ich,
- Kind, mein Kind, was machen wir?“
- Doch das Kind mit bleichem Munde
- schrie, jedweder Antwort bar,
- was ja anders auch im Grunde
- nicht wohl zu erwarten war.
Ihre Mutterlieb erwachte.
Zärtlich nahm sie auf den Arm
ihre Sprößling, küßt ihn sachte
und preßt dann ihn an sich warm.
Und sie hüllt das Kind in Decken,
trug es an den Ort erregt,
dessen sonst zu andern Zwecken
man sich zu bedienen pflegt.
- Sagte: „In ein bess’res Leben
- sollst du jetzt, mein Liebling, geh’n.“
- Tat ihm auch die Brust noch geben,
- rührend war es anzuseh’n.
- In den Trichter, erst das Köpfchen,
- steckte sie’s - o grausig Los! -
- drückte dann auf’s Messingknöpfchen,
- bis das Wasser sich ergoß.
- Und sie sah in tausend Ängsten
- wie sich’s durch den Trichter wand,
- einen Zeh sah sie am längsten
- bis auch er zuletzt verschwand ...
- Einmal hörte sie’s noch glurksen,
- dann ward Stille nach und nach.
- Und um selbst sich abzumurksen
- ging sie in ihr Schlafgemach.
- Und sie legte sich zum Schlummer,
- eine Schlinge um den Hals,
- da sie in dem großen Kummer
- sterben wollte ebenfalls.
Als man sie des Morgens weckte
fand man sie als Leiche nur.
Aber wo der Säugling steckte,
davon fand man keine Spur.
- Also starb Amanda Klopfer -
- dieses war ihr Vatersnam’ -
- sie, die als der Liebe Opfer
- um ihr bißchen Leben kam.
- Schuld an ihrem Mißgeschicke
- hatte auch die Konvention
- und zumal in seiner Tücke
- ihr Galan, der Schandpatron.
- Und das Geld, das schon so viele
- hoffnungsvolle Leben fraß,
- war auch wieder hier im Spiele
- weil sie eben kein’ besaß.
- Wär Amanda ein reiche
- Dame, hätt’ sie der gefreit,
- und des Kind’s und ihre Leiche
- lebten sicherlich noch heut.