"Phantasus"
aus dem Chanson-Zyklus: "Rinnsteinlieder"
Text: Arno Holz">Arno Holz (1886)
Musik: Holger Münzer (1979), Gesang: Peter Siche
Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne,
vom Hof her stampfte die Fabrik,
es war die richtige Mietskaserne
mit Flur- und Leiermanns Musik!
- Im Keller nistete die Ratte,
- Parterre gab's Branntwein, Grog und Bier,
- und bis ins fünfte Stockwerk hatte
- das Vorstadtelend sein Quartier.
- Dort saß er nachts vor seinem Lichte
- - duck nieder, nieder, wilder Hohn! -
- und fieberte und schrieb Gedichte,
- ein Träumer, ein verlorner Sohn!
Sein Stübchen konnte grade fassen
ein Tischchen und ein schmales Bett;
er war so arm und so verlassen
wie jener Gott aus Nazareth!
Doch pfiff auch dreist die feile Dirne,
die Welt, ihn aus: er ist verrückt!
Ihm hatte leuchtend auf die Stirne
der Genius seinen Kuß gedrückt.
- Und wenn vom holden Wahnsinn trunken
- er zitternd Vers an Vers gereiht
- dann schien auf ewig ihm versunken
- die Welt und ihre Nüchternheit.
- In Fetzen hing ihm seine Bluse,
- sein Nachbar lieh ihm trocknes Brot,
- er aber stammelte: O Muse! -
- und wußte nichts von seiner Not.
Er saß nur still vor seinem Lichte,
allnächtlich, wenn der Tag entflohn,
und fieberte und schrieb Gedichte,
ein Träumer, ein verlorner Sohn!