aus dem Chansonzyklus "Bei Dichters"
Text: Erich Weinert
Musik und Gesang: Holger Münzer
Klavier: Alexander Klein
Mit dem ersten Klacks, der dir entpurzelt,
fühlst du dich im Staate fest verwurzelt.
Nimmt auch keiner sie für voll,
deine erste Darmbeschwerde,
einer führt schon Protokoll:
Wenn dich dein Erzeuger mal vermöbelt,
das ist doch nicht tragisch im Prinzip.
Erst vom wahren Lebensernst umnebelt,
fühlst du dich im Lehr- und Lernbetrieb.
Hierorts wirst du langsam verdurchschnittlicht
und durch höhere Gewalt versittlicht!
Hierorts hebt sie dich empor
auf’s Niveau der braven Herde!
Denn sie hat was mit dir vor,
Fühlst du dich dem Jugendglück entwachsen,
und das Weibliche zieht dich hinan,
sei enthaltsam! Mache keine Faxen!
So was regelt die Behörde dann.
Machst du dich dann schwärmend auf die Strümpe
Richtung: überirdische Olympe;
denke dran: das Individuum
rechnet nicht auf dieser Erde!
Einer nimmt dir alles krumm:
Ob du dich als Vagabund entweltest
oder glücklich in Familie schiebst,
ob du dich bei Mutter Grün erkältest,
oder dich ins bess're Nichts begibst,
bist du auch ein unscheinbares Pflänzchen,
einer weiß schon um dein Existenzchen,
einer rubriziert von dir
jede Mine und Gebärde,
einer bringt dich zu Papier:
Wo du hinguckst, hockt sie hinterm Schalter,
die sich streng in deine Seele schraubt.
Von der Wiege bis zum Greisenalter
schwebt ein Gleitschutzengel dir zu Haupt.
Selbst im Grabe wirst du umgekrempelt,
ob du vorschriftsmäßig abgestempelt.
Denn mit höherem Bedacht
regelt sie dein Stirb und Werde.
Alles schläft, doch einsam wacht