Und sowas wählt!
Melodram
aus dem Chansonzyklus "Bei Dichters"
Text: Erich Weinert
Musik und Interpretation: Holger Münzer
Da sitzen sie und meckern sachverständig
Um einen Grand mit Einem aus der Hand.
Doch plötzlich wird der deutsche Geist lebendig,
Furor teutonicus im Skatverband.
Heil Wilhelm! Nieder mit dem Sattlermeister! *
Das Vorhemd kracht im kriegerischen Zorn.
Es riecht so muffig nach Gesinnungskleister
Wie Sauerteig von altem Schrot und Korn.
Man steht geschlossen wie die Wacht am Rheine,
Für Kaiser und für Reich, beseelt
Vom Geist der Militärvereine. -
- Und so was wählt!
Da sitzen sie, die Streuselkuchenschwestern
Und sticken Kissen oder sonst so was.
Man liest Romanfortsetzungen von gestern,
Da werden Augen und so weiter naß.
Es war so schön mit Prinzen und Prinzessen!
Dann protestiert man gegen schwarze Schmach.
Dann wird man den Franzosen nie vergessen.
Ein echter Deutscher hält, was er versprach!
Das ist die deutsche Treue deutscher Frauen,
Mit Rudolf Herzog ** sanft vermählt,
Im Drange, wiederaufzubauen!
- Und so was wählt!
Da sitzen sie, bei hochprozentiger Lösung,
Die Sekundaner mit Bewährungsfrist,
Und saufen Mut zum Zweck der Volksgenesung
Und brüllen Hurra über jeden Mist.
Epheben mit bemalten Hühnerbrüsten
Umarmen sich in Selbstbefriedigung.
Und leisten Schwur auf Handgranatenkisten
Und bringen die Franzosen auf den Schwung.
Dem deutschen Barden straffen sich die Nerven
Ob dieser Jugend, die krakeelt.
Das sind des Vaterlands Reserven!
- Und so was wählt!
Anm.1: Friedrich Ebert, der erste Präsident der Weimarer Republik, war von Beruf Sattler.
Anm.2: Ein vom Bürgertum vielgelesener nationalistischer Unterhaltungsschriftsteller.
Zum Zyklus