Gottfried Benn
GEIST ODER LEBEN

Buch und Idee: Rolf Wißkirchen
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors Rolf Wißkirchen
Veröffentlichung, Kopieren, Abdruck und Nachspielen dieses Textes nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch den Autor: Rolf Wißkirchen

mit Marlin von Wick und Holger Münzer

(Benn sitzt am Tisch)
(Frager tritt auf, schweigt lange)

Frager:
Wir alle sind der Tradition verpflichtet,
einem Geist zu dienen, der in Fragen mehr sich findet als in der Antwort: da sie der Phantasie die nötige Luft zum Atmen stets nur nimmt.

Wir alle haben uns deshalb hier versammelt, nicht um die Zeit, den Raum und schon gar nicht unser Ich zu hinterfragen - nicht diese Nichtigkeiten führten uns zusammen.

Wir wollen prüfen und erwägen das hier gesprochene und hoffentlich bald tief und innig ausgedrückte Wort.

Wir sind ganz Ohr, den Schein, den Rhythmus nach Gewicht zu wiegen. Das füllt uns sicherlich die Zeit auf völlig unbekannte Dauer, bis daß ein Urteil fällt. Denn ohne Urteil ist nichts auf dieser Welt. Und darum bin ich hier. Und werde Euch trotz alledem nach Eurem Lebensinhalt fragen.

Wie sieht, wie sah Euer Dasein wirklich aus?

Benn:
Eine bestimmte Zeit meines Lebens verbrachte ich in einer mittelgroßen Stadt, fast Großstadt.

Schlechtes Klima, keine Landschaft, flach alles, riesig öde. Mein Beruf hatte mich innerlich nie beschäftigt, hier gar nicht. Gerade an dieser Stelle, wo die feingeistigen angesehenen Männer ihren Beruf ins Öffentliche, sei es des Politischen, sei es des Weltanschaulichen übergehen fühlten und sich und ihre Arbeit aufgenommen sahen von allgemeinen und weitverbreitet denkbaren Begriffen, brach bei mir das Berufsinteresse ab. Der größte Teil meines Lebens war den Jahren nach zu Ende., und ich war mir klar darüber, daß eine große Gutwilligkeit dazugehörte, es als fruchtbar zu erklären. Der Ausfall der meisten Leben verursachte keine Störung, auch des meinen nicht, höchstens eine Verkehrsstörung, gegebenenfalls, gegebenenunfalls, doch alle ordnenden Kräfte waren eingesetzt, eine solche abzuwenden. Reibungslos vollzog sich das Überschreiten der Zu- und Abfahrtsstraßen des Kommenden und des Verströmens.

Eine Wohnung hatte ich mir genommen, die nach hinten lag, zum Hof sah, alle Zimmer.

Frager:
Ihr pflegt wohl die Hinterhof-Idylle?

Benn:
Absicht! - Einmal vertrag ich kein Licht, keine Beleuchtung durch die starken natürlichen Strahlen, dann aber auch, um verborgen zu bleiben, sowohl im Hinblick auf die Männer wie auf die Frauen.

Sehr höflich, war immer meine Devise, aber möglichst selten und nie unvorbereitet. Darum hielt ich mir auch kein Telefon, um jede Verabredung unmöglich zu machen. Zu den Gesellschaftsabenden ging ich regelmäßig, erhob das Glas auf das Wohl der Herren, besprach mit den Damen die zur Diskussion stehenden Themen und ließ das Blumenmädchen nicht vorbei, ohne den Strauß der Jahreszeit für meine Nachbarin zu entnehmen. Ich glaube nicht, daß jemand darauf gekommen wäre, mich als unkorrekt zu empfinden. Natürlich war sehr viel Berechnung und Überbau dabei, aber das betraf mich ganz alleine. -

Frager:
Fahrt fort...

Benn:
Ich hatte den Hauptteil meines Lebens in den großen Städten der Erde verbracht, nun erschien mir ein Ort dieser Art mit seinen hunderttausend Bewohnern, drei Straßen, auf denen sich alles traf, dem halben Dutzend Restaurants, so sich alles wiedersah, einigen Grünflächen im März mit Krokus, im Herbst mit Geranien stimmungsvoll aufgeheitert, ganz besonders bemerkenswert. So nahe an den bürgerlichen und menschlichen Kern einer Gemeinschaft hatten mich meine Tage nie geführt, so nahe an den geschichtlichen Kern, um diesen Ausdruck einzuführen, auf den ich damals besonderes Gewicht legte. Ich ließ daher alle diese Eindrücke aufs nachhaltigste auf mich wirken, bereit, meine Grenzen zu öffnen, mich zu erneuern, noch einmal die Grundfrage der menschlichen Existenz zu überprüfen.

Frager:
Ja, ja, die Grundfrage. Die würde uns jetzt wirklich interessieren. Der Grund, das Warum - diese blöde Kinderfrage bleibt letztlich immer übrig.

Warum also schwört Ihr stets dieser Existenz die Treue? Hat dieses Wabern, Weben, diese Taktik, dieser Tanz - Bedeutung? -Irgendwelchen Sinn, um diese Eure Jahre überhaupt zu leben?

Und sprecht über das, was Euch weit mehr bedeutet wie nur der simple Trick, der Angst in tausend Formen zu begegnen. Was meint Ihr wirklich, drückt Euch aus und zwingt das altbestimmte, elternhafte und kausalbeschwerte Ich zur Blüte Eures vorbestimmten Seins ...

Benn:
Es gibt drei Themen, die das Jahrhundert bis heute durchziehen:
die Wirklichkeit, die Form und der Geist.

In diesen Begriffen liegt die Entscheidung der Zeit. Es ist alles die gleiche Frage, aus ihr spricht die Stimme unserer Epoche, sie ist in allen europäischen Ländern vernehmlich da. Unser abendländischer, biologischer Kern hat sie entkeimt und aufgeworfen - hier sind sie: die deutsche bürgerliche Literatur aber nennt das Intellektualismus.

Ich behaupte weiter, daß diese Bruchstücke nicht sind, aber hinweisen auf einen ganz bestimmten Begriff, dem klar ins Auge zu sehen diese selbe bürgerliche Welt immer wieder ausweicht: Kunst.

Frager:
Kunst! - Ahja.

Dieser Zeitvertreib für schöne Geister. Ihr wißt wohl nicht, daß viele diesen Tempel suchten und wenn sie ihn dann scheinbar fanden, sich dort sehr gut versteckten.

Aber die Objektivitäten, unsere Wissenschaften, die reine Überprüfung der Tatsächlichkeiten, sinkt Euer Haupt denn niemals nieder, wenn diese Welt mit ihren Schriften einst Euren Schädel meistert?

Benn:
Meinst Du, daß Kepler oder Galilei großes Meerleuchten war - das waren doch lauter alte Tanten.

Es war ihr Strickstrumpf, daß sich die Erde um die Sonne dreht. Sicher ganz unruhige, extrovertierte Typen. Und nun beachte diesen Schrumpfungsprozeß dieser Hypothese! Heute dreht sich alles um alles, und wenn sich alles um alles dreht, dreht sich nichts mehr außer um sich selber.

Das wissenschaftliche Weltbild stellt die Behauptungen auf, das wissenschaftliche Weltbild prüft dann die Behauptungen nach und das wissenschaftliche Weltbild bestätigt sie (sich) dann und übergibt sie der Presse.

Frager:
Aus Euch spricht wohl stets Pessimismus - die Zersetzung!

Benn:
(Aus mir spricht die Zersetzung wurde mir schon öfter erwidert.)
Nein, antworte ich, solange ich noch antworte, aus mir spricht der abendländische Geist, der ist allerdings die Zersetzung des Lebens und der Natur, ihre Zersetzung und ihre Neusetzung aus menschlichem Gesetz, jenem anthropologischen Prinzip, das die Wasser von der Feste schied und die Propheten von den Narren.

Frager:
Wie denn? - Auch noch die Natur zersetzen? Das ist die Höhe! -
Unser aller Blut und Boden ?

Benn:
Ihre Natur, mußte ich erwidern, ist sie denn natürlich? Kann man von ihr ausgehen?

Ich kann beweisen, daß sie unnatürlich ist, äußerst sprunghaft, ja, daß sie der Schulfall des Widernatürlichen ist. Sie setzt an und läßt liegen, macht Aufwand und vergißt. Sie ist zügellos und übertreibt mit massierten Fischzügen bei den Lofoten, mit Heuschreckenschwärmen, die sie vorwälzt, und mit Zikaden. Das Leben als Erscheinung war doch überhaupt in der Pflanze gut untergebracht, warum es in Bewegung setzen und auf Nahrungssuche schicken - ist das vielleicht ein Vorbild der Entwurzelung? Die menschliche Kreatur vollends wälzt sich gerade in die Unnatur, schleudert Bakterien heraus, um sie zu vernichten, verringert ihr den Geruch, mindert ihr das Gehör, das Auge muß sich durch Gläser denaturieren, der Mensch der Zukunft ist reine Abstraktion - wo wirkt sie, diese natürliche Natur?

Frager:
Natürliche Natur? - Wie schön und herrlich paradox. Doch falls Ihr Euren Weg verloren habt, nun immerhin: es gibt ja schließlich noch das Kreuz!

Ist das Kreuz nicht auch ein gleichbestimmtes, tief erlittenes Symbol für die Menschheit und deren Qual? - Ist Gott, sein Sohn und Geist nicht Humanismus! Also alles, was wir denken, fühlen, leben sollten?

Benn:
Ich kann auch diese Frage nur artistisch sehen. Gott ist ein schlechtes Stilprinzip!

Nämlich entweder extrovertiere ich mein Inneres oder ein anderer tut es, beides geht nicht. Würden sie mich fragen: 'Glauben Sie', würde ich sagen, Glauben stellt mich schon außerhalb der Grundsubstanz meines Auftrages und meiner Bindung, welcher Art dieser Auftrag und diese Bindung ist, ist mir dunkler als je. Ich finde Gebet und Demut arrogant und anspruchsvoll, es setzt ja voraus, daß ich überhaupt etwas bin, aber gerade das bezweifle ich, es geht nur etwas durch mich hindurch.

Eine katholische Zeitung, die mich im einzelnen sehr gerühmt hatte, sagt zum Schluß: Fort mit diesem Mann, er findet Gott lächerlich und verachtet die Religionen. Welche Verkennung! Ich verachte die Menschen, die mit ihren eigenen Dingen nicht fertig werden und nun eine andere Stelle um Aushilfe angehen, eine Stelle, die sie doch kaum kennen kann, diese Schatten aus Nichts. Hasen, Wermutstropfen, die in ihrem Grunde stehen geblieben sind und für 10 Pfennig schon gut werden und deren größte Hoffnung sein müßte, bald ins Grab zu sinken, um den Blick des Großen Wesens bald aus dem Auge zu gehen. Diese Große Wesen - ein Thema für sich! Man überlege doch einmal, was es mit uns allen angerichtet hat, es hat mich doch keineswegs so reich beschenkt, daß ich mich durchfände, es hat viel verschleiert, was für mich wichtig wäre, ich muß viel herunterschlucken und bin am Ende so schlau, wie ich am Anfang war.

Ergebnis: ich muß durch alles allein hindurch, durch meine Zerrüttungen, durch das Studium meiner selbst, durch die Phänomenologie meiner Ichbestände - soll ich da plötzlich an entscheidender Stelle demütig werden und sagen, das war ja alles nicht so schlimm gemeint - wo bleibt das der Individualismus, von dem doch angeblich das Abendland lebt, wenn er sich plötzlich die Fassade absägte und hinwürfe und sich demütige.

Frager:
Das Ich muß doch in Demut überfluten, um überhaupt der Triebe Herr zu werden.

Der Mensch ist doch ein Wesen der Gemeinschaft.

Benn:
Ich schüttle mir das nicht aus dem Ärmel, was ich jetzt sage. Ich habe jahrelang darüber nachgedacht, jahrelang über den Vers von Nietzsche nachgedacht: "Wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends Halt." Anfangs dachte auch ich, was er verloren habe sei die Gemeinschaft mit den Menschen, die Gemeinschaft mit Mann und Frau, die Gemeinschaft mit all und jedem, aber diese Gemeinschaft kann es nicht sein auf die sich der Vers bezieht.

Es ist eine andere Gemeinschaft, die er verloren hatte, es ist die Gemeinschaft mit der Substanz, mit allem, was einmal in den vergangenen Jahrhunderten als Substanz galt, als menschliche Substanz, als menschlicher Inhalt., also Philosophie, Philologie, Theologie, Biologie, Kausalität, Erotik, Wahrheit, Schlüsse ziehen. Sein, Identität - alles das hatte er zerrissen, die Inhalte zerstört, sich selbst verwundet und verstümmelt zu dem einen Ziel: die Bruchflächen funkeln zu lassen auf jede Gefahr und ohne Rücksicht auf die Ergebnisse - "sein inneres Wesen mit Worten zerreißen, das war seine Existenz". -

Ja, er sprach natürlich zum Schluß nur noch mit sich selbst, mit wem sollte er denn sprechen? Die Stunde Gottes war nicht mehr da, die Uhr schlug nicht mehr, und die Menschen waren auch nicht mehr da, es gab ja keinen Menschen mehr, nur noch seine Symptome, es gab nur noch einen Menschen in Anführungsstrichen, einen ferngerückten Menschen mit Angst und inneren Quälereien, tausendmal philosophisch und literarisch prostituiert, tausendmal ausgestöhnt, von dem hatte er sich entfernt (und wir mit ihm) - was sollte er also tun, sollte er vielleicht philologisch werden, das hatte er hinter sich, nein, er blieb ungeschichtlich, er blieb nur er selbst, nämlich wahrhaftig.

Ich meinerseits würde das aber nicht Scheitern nennen, sondern dafür ein anderes Wort suchen, und ich sehe im ganzen Umkreis unseres Sprachgebrauches nur eines das stichhielte, eines von antikem Klang, es heißt: Verhängnis.

Frager:
Aha - das Verhängnis... - Das Verhängnis einzelner - wie ungeheuerlich und tragisch...
(Heiner Müller imitierend:) "Das Problem ist doch, (hm...) daß sich jetzt herausstellt, daß auch hinter Deutschland nichts steckt, bzw. das Nichts, -
daß das metaphysische Äquivalent nicht mehr existiert.
Deutschland gibt es nicht."

Benn:
Es gibt keine Wirklichkeit.
"Nichts ist, wenn je etwas war, nichts wird sein."

Es gibt das menschliche Bewußtsein, das unaufhörlich aus seinem Schöpfungsbesitz Welten bildet, umbildet, erarbeitet, erleidet, geistig prägt. In dieser Fähigkeit gibt es Grade und Stufen, vor allem Vorstufen. Die oberste aber lautet: es gibt nur den Gedanken, den großen objektiven Gedanken, er ist die Ewigkeit, er ist die Ordnung der Welt, er lebt von Abstraktion, er ist die Formel der Kunst.

Frager:
Aber die gesamte Menschheit hat das Leben, ihre tägliche Gewohnheit, Handlung und ihre mehr als tausendjährige Geschichte: das ist weit radikaler!

Benn:
Wer auf dem Tiger reitet, kann nicht herab. Chinesisches Sprichwort.
Auf Handeln angewendet: es führt zu Geschichte. Handeln ist Kapitalismus, Rüstungsindustrie. Malplaquet - Borodino - Port Arthur -: 150.000 Tote, 200.000 Tote, 250.000 Tote, -
niemand kann die Geschichte mehr anders sehen denn als die Begründung von Massenmorden: Raub und Verklärung - der Mechanismus der Macht. Und was sie aufzeichnet, ist keineswegs das volkhafte Gedächtnis der Nationen, sondern ihre Witzblätter. Schlägt man sie 20 Jahre nachher auf, erinnert man sich an die Moden der Kriegswitwen, doch an den Sinn der Schlachten längst nicht mehr.

Was der politische Mensch gar nicht sehen will und kann, das ist Einsamkeit, Askese, Mönchstum - Kunst. Aber wenn die Menschheit das nicht hätte, wäre sie keine.

Ich könnte heute hinzufügen, daß ich die Kunst für viel radikaler halte als die Politik: in einer Gestalt führt sie eine Gesellschaftsschicht zu Ende, mit einem Satz übergibt sie ein Jahrhundert seinem nächsten Ziel, sie allein, nicht die Politik reicht bis in jene seelischen Schichten hinein, in denen die wirkliche Wandlung der menschlichen Gesellschaft sich vollzieht.

Frager:
Ich bin noch höflich allemal und bitte für die Fragen recht herzlich um Verzeihung: doch all Eure sprachlichen Ergüsse - sie enden schließlich gleich: mit Kunst - Warum?

Benn:
Ich sag's nochmal:
Es gibt drei Themen, die das Jahrhundert bis heute durchziehen: die Wirklichkeit, die Form und der Geist. In diesen Begriffen liegen die Entscheidungen der Zeit.

Es ist alles die gleiche Frage, aus ihr spricht die Stimme unserer Epoche, sie ist in allen europäischen Ländern vernehmlich da, unser abendländischer, biologischer Kern hat sie entkeimt und aufgeworfen - hier sind sie, die deutsche, bürgerliche Literatur aber nennt das Intellektualismus. Ich behaupte weiter, daß diese Bruchstücke nicht sind, aber hinweisen auf einen ganz bestimmten Begriff, dem klar ins Auge zu sehen diese selbe bürgerliche Welt immer wieder ausweicht: Kunst.

Frager:
Nun gut - dann sprecht zuerst von dem Gemisch, was Ihr als Intellekt bezeichnet. Die ganze Menschheit denkt ja wohl seit Anbeginn, und deshalb jagt und spukt ja auch so viel in allen Köpfen hin und her.

Was meint Ihr also damit?

Benn:
Intellektualismus ist der kriegerische Angriff auf die zersetzte menschliche Substanz, ihre Dränage und die Abwehr von Leichenfledderern.

Wer Intellektualismus weiter in dem kleinbürgerlichen Sinn ansieht, wird sowohl lächerlich, wie geschichtlich ausgeschaltet werden. Es ist hauptsächlich die bürgerliche Literatur, die hieran versteckt oder offen mitarbeitet, diese prima Epiker, Anekdotenschnurrer, Balladenbarden, notorische Nachspieler, stigmatisierte zweite Besetzung, Chargenkomiker für Gartenlokale, getarnter neuer Staat, in Wirklichkeit die stupiden alten Herren - Mittelstand als Vampirismus.

Der Begriff: dessen Lautwerdung im Wort deutete bestimmt nicht auf historische Romane und farbenglühende Gemälde des Mittelalters, sondern vertrat Gewalt, und er selbst, der Begriff, war nie ein pazifistisches Gleitmittel.

Kaffeeklatsch, kapitalistische Zwischensubstanz, um zwei faule Geschäfte aneinander zu kleben, sondern er schied Welt von Chaos, trieb die Natur in die Enge, schlug die Tiere, sammelte und rettete die Art, schlägt bis heute: Drillbohrer gegen naturalistisches Gewäsch und ideologischen Dilettantismus. Aufbrecher der Wahrheit. Einbrecher in die andere, die allgemeine, die unsichtbare Welt, zwingend deren Dauer in die Nichtigkeit des Seins.

Frager:
Sehr schön! - Wer aber ist es denn, der Kunst, dies zauberhafte Phänomen erschafft?

Benn:
Da ist Leonardo in dem kleinen Schloß Cloux an der Loire, in Italien war seines Bleibens nicht mehr, seine Gönner tot oder gefangen. Was denkt er abends, der König ist zur Jagd, Stille, nichts zu hören als das metallene Schlagen der Uhr auf dem Turm der "horloge" und das Geschrei der wilden Schwäne auf dem Wasser, am Fluß sind Pappeln, wie einst in der Lombardei. Der König bietet ihm viertausend Gulden für die Gioconda, aber er kann sich nicht von ihr trennen, der König will sie trotzdem haben, der alte da Vinci wirft sich ihm zu Füßen, weint, macht sich lächerlich vor den Gästen, er bietet ihm sein letztes Bild an, einen "Johannes der Täufer", aber die Gioconda, nein, die ist sein Leben. Fünf Jahre hat er daran gemalt, fünf Jahre war er über sie gebeugt, schweigend, alternd, sie niemand zeigend. In dem Zimmer, wo er sie malte, waren Torsos hellenischer Statuen, hundsköpfige ägyptische Götter aus schwarzem Granit, Gemmen der Gnostiker mit Zauberinschriften, byzantinische elfenbeinartige Pergamente mit Bruchstücken ewig verloren geglaubter griechischer Dichtungen, Tonscherben mit assyrischer Keilschrift, Schriften der persischen Magier in Eisen gebunden, memphische Papyri, durchsichtig und fein wie Blumenblätter - : darin muß er sich verwandeln, dem nachhängen, vielleicht sogar unterliegen - da lebte er fünf Jahre lang seinem inneren Gesicht. Der König und sein Gefolge fanden ihn erbärmlich, aber so behielt er das Bild in seinem Zimmer. Die Wendeltreppe zu seiner Schlafkammer war eng und steil, er stieg sie unter Anfällen von Schwindel und Atemnot empor, dann wurde die rechte Seite gelähmt, er konnte mit der linken Hand zeichnen, aber nicht malen, dann spielte er die Abende mit einem Mönch Hölzchenspiele und Karten, dann wurde er auch links gelähmt, eben hatte er noch gesagt, hebe dich auf und wirf dich ins Meer, dann starb er und nun ruhte er, wie das Gewicht das gefallen ist. Das war der alte Da Vinci. Sie standen alle unter dem Zwang: "Wenn ich nicht zittere, wie die Natter in der Hand des Schlangenbändigers, bin ich kalt."

"Alles was ich Brauchbares geschaffen habe, ist so entstanden", sagt Delacroix, und Beckmann schrieb: "Ich würde in Abzugskanälen wohnen und durch alle Gullys kriechen, wenn ich mir nur dadurch die Möglichkeit rettete, zu malen." - Nattern, Gullys, Abzugskanäle - das ist das Vorspiel von Lebensabenden. Es ist noch nicht so lange her, daß der dreiundachtzigjährige Degas sagte: "Ein Bild ist etwas, das ebensoviel Geriebenheit und Lasterhaftigkeit verlangt wie ein Verbrechen."

Frager:
Das Asoziale also ist es - geschichtslos, einsam, kalt, verreckt der Narr, um Sätze, Bilder, Töne herauszuschleudern. Wie kann sich jemand - ganz ohne Muß dazugesellen?

Erzählt von den Erfahrungen, die Eurer Meinung nach dazu führen, daß jemand Ausdruck schafft und daraus Kunst erscheint...

Benn:
Kunst wächst auf paradoxem Boden, und das Logische und Biologische versagt vor ihr.

Die Reihe der Paralytiker unter den Genies ist enorm, die der Schizophrenen trägt die größten Namen, und das alles nicht beiläufig, supplementarisch, hinzukommend, sondern als Geschick. Wesen des Schöpferischen. Tränke des Geistes, Prägung der Verflechtung in die gezeichnete Gestalt. Unter den 150 Genies des Abendlandes finden wir allein 50 Homoeroten und Triebvarianten. Rauschsüchtige in Scharen. Ehelose und kinderlose als Regel. Krüppel und Entartete zu hohen Prozenten. Das Produktive, wo immer man es berührt, ist durchsetzt von Anomalien, Stigmatisierungen, Paroxysmen. Natürlich sind Goethe und Rubens da, reich, stabil, nahezu rausch- und giftfrei, wenn man sich Götter vorstellen wollte, hier sind sie, aber sie sind die Ausnahme, es ist nachweislich klar, statistisch klar, der größte Teil der Kunst des vergangenen Halbjahrtausends ist Steigerungskunst von Psychopathen, von Alkoholikern, Abnormen, Vagabunden, Armenhäuslern, Neurotikern, Degenerierten, Henkelohren, Hustern: das war ihr Leben, und in der Westminsterabtei und im Pantheon stehen ihre Büsten und über beidem stehen ihre Werke makellos, ewig Blüte und Schimmer dieser Welt.

Kunst hat keine geschichtlichen Ansatzkräfte, ihre Wirkung geht auf die Gene, die Substanz - ein langer innerer Weg. Das Wesen der Kunst ist unendliche Zurückhaltung, zertrümmernd ihr Kern, aber schmal ihre Peripherie, sie berührt nicht viel, das aber glühend.

Falls Ihr die Maximen meines Lebens hören wollt, so wäre sie folgende:

  1. Erkenne die Lage!

  2. Rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen.

  3. Vollende nicht deine Persönlichkeit, sondern die einzelnen deiner Werke. Blase die Welt aus Glas, als Hauch aus einem Pfeifenrohr: der Schlag, mit dem du alles löst: die Vasen, Urnen, die Lekythen. - dieser Schlag ist deiner und entscheidet.

  4. Nur bei Mittelmäßigkeiten greift das Schicksal ein, was darüber ist, führt seine Existenz alleine.

  5. Wenn dir jemand Ästhetizismus und Formalismus zuruft, betrachte ihn mit Interesse: er ist der Höhlenmensch, aus ihm spricht der Schönheitssinn seiner Keulen und Schurze.

  6. Nimm gelegentlich Brom, es dämpft den Hirnstamm und die Unregelmäßigkeit der Affekte.

  7. Nochmals: erkenne die Lage!

    (geht ab)

Frager:
Wir alle haben uns deshalb hier versammelt, nicht um die Zeit, den Raum und schon gar nicht unser Ich zu hinterfragen - nicht diese Nichtigkeiten führten uns zusammen. Wir wollen prüfen und erwägen das hier gesprochene und hoffentlich bald tief und innig ausgedrückte Wort...


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