Ein bekannter Komponist z.B. begreift Kunst als permanente Frage an die Schöpfung und als permanentes Bemühen, selbst eine Antwort zu finden. Das hört sich gut an, und man weiß ohnehin, daß die Schöpfung bisher jede Antwort schuldig geblieben ist. Doch nach kurzem Überdenken muß ich erkennen, daß mir mit dieser wenn auch schönen Formulierung eigentlich nichts Greifbares geboten wird, und wie oft bei Definitionsschwierigkeiten, ziehe ich ein Nachschlagewerk zu Rate. Da verrät mir der Brockhaus, u.a. sei Kunst "allg.: jedes zur Meisterschaft entwickelte Können."
Wie das? Ist demnach ein perfekt gebügeltes Bettlaken als Kunstwerk einzustufen?
Eine weitere Theorie habe ich aus meiner Kindheit in Erinnerung. Wahre Kunst, so explizierte damals ein Schulfreund, sei die Fähigkeit, mit einem Boxhandschuh in der Nase bohren zu können.
Welch ein weites Feld zwischen all diesen Erkenntnissen: Denkt man jetzt noch an Schiller, bei dem die Kunst heiter zu sein hat, so ergibt sich, zusammengefaßt, folgendes visionäre Bild: ein ständig die Schöpfung befragender dabei heiterer Boxer, der mit lederner Faust den Inhalt seiner Nase zu ergründen und zu entfernen sucht und mit der anderen Hand ein Bettlaken bügelt. Kunst total sozusagen.
Mit einem Seufzer meine Verwirrung eingestehend, gebe ich diesen Teil des Definitionsversuches auf und wende mich dem "Künstler" zu. Wer ist es?
Zumindest in unserem Kultur- und Sprachbereich finden sich unzählige Berufsausübende, die als quasi Qualitätsetikettt diese Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen. Bauchredner, Striptease-Tänzerinnen, Zauberkünstler (!) und viele andere mehr vorwiegend aus dem Bereich zirzensischer Fertigkeiten und der leichten Muse.
Vertreter der bildenden Kunst hingegen, d.h. Ausübende derselben, nennen sich Graphiker, Bildhauer, Maler. Manche auch Kunstmaler. Doch diese erinnern mich fatal an Exponate, die vor allem in Glaserläden zu betrachten sind. Der röhrende Hirsch hat ganz sicher auf der Staffelei eines Kunstmalers seinen ersten Brunftschrei ausgestoßen.
Ob nun Maler oder Kunstmaler unter letzterer Rubrik vereint, ist diese Berufsgruppe im Berliner Branchen-Fernsprechbuch zwischen Kunstleder und Kunststeinen angesiedelt, und man kann dabei noch erleichtert sein, nicht in der Nähe von Kunsthonig oder Kunstdünger entdeckt zu werden. Andererseits führt die schlichte Selbstbenennung "Maler" leider oft zu Mißverständnissen und Verwechslungen.
Wieder ein Seufzer der Hilflosigkeit. Und an den Anfang zurückgeworfen, bleibt dem Maler zumindest eine einsame Möglichkeit: leere Flächen mit Linien, Formen und Farben zu füllen und dabei so selbstkritisch wie möglich Wert und Erfolg seiner Intentionen und Bemühungen immer wieder in Zweifel zu ziehen. In der Arbeit am Bild stellen sich erneut Fragen, aber es finden sich, oft später erst, dann schließlich doch die Antworten, die auch bei geltenden Kriterien immer subjektiv sein werden und sein müssen.