Nachdem die Familie MacDowell im Jahre 1827 erloschen war, hatte die Landesverwaltung der Grafschaft Aberdeenshire in Schottland die Latifundien des alten Clans übernommen, wozu auch die Burg gehörte. Eine entfernte Seitenlinie hatte Anspruch auf das Anwesen angemeldet, bei einem Prozeß im Jahre 1835 aber den Rechtsstreit verloren, und seitdem diente die Burg zunächst als Museum und wurde 1946 in ein Hotel umgebaut...
So stand das jedenfalls im Reiseführer. Ferner war dort zu lesen, daß das Land, das einst den MacDowells gehörte, in einen Park im englischen Stil umgestaltet und mit einem großzügigen Golfplatz versehen worden wäre. Ich selber bin kein Liebhaber dieses Sports, und ich verstehe auch nichts davon. Aber Eileen, die ich mit zwölf Jahren kennengelernt hatte, als ich Austauschschüler in London gewesen war, schätzte das Golfspiel sehr. Ich bin seit damals sehr oft in England gewesen, und jedes Jahr wurde Eileen reifer und schöner. Als ich zwölf war, kam mir Eileen mit ihren neun Jahren wie ein vorlautes Kind vor, was sie wahrscheinlich auch gewesen war, aber inzwischen ist sie eine besonnene junge Frau geworden. Zwar hat sie immer noch ihre niedlichen Sommersprossen, und wenn sie lacht, sind da auch immer noch die Grübchen auf ihren Wangen, aber ihr albernes Kichern ist verschwunden, und man kann sich mit ihr über alles unterhalten. Ihr unbeholfenes Stolpern ist einem hohen Gang gewichen, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, daß sie inzwischen dem Reitsport und, wie gesagt, dem Golfspiel frönt.
Kurz und gut: im letzten Jahr habe ich sie gefragt, ob sie meine Frau werden möchte. Aber wie ich bereits mitteilte, ist sie besonnen geworden, und sie sagte: "Bevor man eine solche Entscheidung fällt, sollte man das Zusammenleben erst einmal ausprobieren." Die beste Weise, das zu tun, wäre eine gemeinsame Reise.
Ich fand ihren Vorschlag sehr vernünftig, und so kam es, daß wir im letzten Sommer nach Schottland fuhren. Sie fand es gar nicht schlimm, daß ich mich für Golf nicht interessierte.
"Es ist gut," sagte sie, "wenn jeder für sich was hat, was er auch mit anderen teilt und nicht nur mit seinem Lebenspartner. Das hält die Beziehung frisch."
Wir erreichten MacDowell Castle am späten Nachmittag. Obwohl es Hochsommer war, wehte ein kühles Lüftchen, aber in der Halle der Burg brannte ein Kamin, der eine behagliche Wärme verbreitete.
Außen war die Burg eine steinerne Festung, aber innen war viel Holz verarbeitet worden. Die Wände der Halle waren mit Eschenholz getäfelt, und die Decke und der Fußboden bestanden aus eichenen Dielen. Über dem Kamin war das Wappen der MacDowells angebracht: ein Schild mit einem Eschenast und drei gekreuzten Schwertern.
Der Empfangsschalter paßte in die altertümliche Einrichtung, denn er war aus den gleichen Hölzern gearbeitet. Der Empfangschef war ein hagerer, hoch gewachsener Mann mit dem typischen, mir schwer verständlichen schottischen Akzent. Er trug einen dunklen Anzug und ein Hemd mit einem Stehkragen, sodaß er wie der Butler in einem englischen Herrenhaus aussah.
Es stellte sich heraus, daß wir außer einem dänischen Ehepaar, einer amerikanischen Familie mit drei Kindern und einem kauzigen Professor im Ruhestand, der sich als Sprachforscher oder, wie man sagt, als Linguist vorstellte, die einzigen Gäste waren.
Beim Abendessen, als wir die anderen kennenlernten, erfuhren wir zu unserer Erleichterung, daß die Dänen, der Amerikaner und der Professor begeisterte Golfspieler waren. Die Amerikanerin war vollauf damit beschäftigt, ihre drei Sprößlinge zu zähmen.
Als die Amerikaner ihre Kinder zu Bett gebracht hatten, sagte der Professor mit dem unüberhörbar gelehrten Akzent, der an der Universität von Oxford gesprochen wird: "Obwohl die meisten Amerikaner von unserer Insel stammen, sind sie eine eigene Rasse. Die australischen Wildhunde, die von den europäischen Hunden abstammen, haben ja auch mit ihren Vorfahren kaum noch etwas gemein; sie sind zu Dingos geworden. Das einzige, was ein Yankee mit einem Briten gemeinsam hat, ist, daß er die Nase mitten im Gesicht hat."
"Und was halten Sie von der schottischen Sprache?" fragte ich.
"Sehr viel. Ihr Akzent, junger Mann, ist eindeutig kontinental, ich würde sagen, Sie stammen eindeutig aus Deutschland... Der Ursprung der schottischen Sprache ist gaelisch, und Gaelisch ist eine sehr vielschichtige Sprache mit Ausdrucks-möglichkeiten, die nur ihr möglich sind. Für die Schotten ist Englisch im Grunde eine Fremdsprache, und es ist bewundernswert, wie gewandt sie mit ihr umzugehen vermögen."
Ich bedauerte schon ein wenig, ihn daraufhin angesprochen zu haben, denn nun hielt er einen langen Vortrag über die verschiedenen englischen Dialekte, über die Entwicklung in den ehemaligen überseeischen Kolonien, die bis zur Herausbildung einer eigenen Sprache auf Neuguinea, dem Pisin, geführt hatten.
"Bemerkenswert ist, daß der Name Mary für die Bewohner von Neuguinea ein Synonym für jede Frau wurde. (It is remarkable that the name Mary has become a synonym for every woman.)"
Der Vortrag machte uns müde, und Eileen und ich beschlossen, bald schlafen zu gehen. Das Zimmer war ziemlich geräumig, hatte einen eigenen Kamin und ein großes Himmelbett.
"Wie hübsch," sagte Eileen, "nicht wahr?"
"Ich liebe dich," sagte ich, schloß sie in die Arme und spürte ihren warmen Körper.
Wir legten uns ins Bett und liebkosten uns, bis der Schlaf uns in seinen Schoß holte.
War es im Traum, im Halbschlaf oder war ich wach, als ich einen monotonen Gesang vernahm?
"Keith MacDowell, what hast thou done?
Thou wast the most grumbly man under the sun.
Thou killed thy bride and then thou killed me.
If I had a spell, I would cast it 'pon thee."
Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie zerschlagen, so als ob ich in der Nacht kaum ein Auge zugetan hätte. Eileen klagte über Kopfschmerzen und gab ihrer Verwunderung darüber Ausdruck.
"Ich hatte einen seltsamen Traum," berichtete sie. "Ich hörte eine merkwürdige, klagende Stimme. Dann stand ich auf und trat auf den Gang. Am Ende des Ganges sah ich eine Gestalt in einem weißen Gewand, die, als sie meiner gewahr wurde, angstvoll verschwand. Plötzlich merkte ich, daß ich wach war. Es ist das erste Mal, daß ich im Schlaf spazieren gegangen bin. Ich bekam einen furchtbaren Schreck, denn ich habe davon gehört, daß man als Schlafwandler in bedrohliche Situationen kommen kann. Man hat mir von einer Frau erzählt, die eines Nachts auf dem Dach gewandelt und dort aufgewacht ist. Vor Schreck ist sie vom Dach heruntergefallen, hat sich das Rückgrat gebrochen und muß seitdem im Rollstuhl leben."
"Auch ich habe eine klagende Stimme gehört," erzählte ich, "es war die Stimme einer Frau. Ich verstand auch die Worte, habe sie aber vergessen. Die Sprache war die, in der die alten Balladen gesungen werden, wie die von Barbra Allen oder vom Scarborough Fair."
"Dann war das wohl doch kein Traum," sagte Eileen. "Die Klage richtete sich an einen Keith MacDowell, der jemanden umgebracht hat."
Beim Frühstück herrschte eine gedrückte Stimmung. Nur die amerikanischen Kinder waren ausgelassen wie am Tag zuvor. Aber ihre Eltern waren gereizt, und der Vater schrie sie an, was gar nicht zu seiner Art paßte.
Der Professor zündete sich eine Pfeife an und verkroch sich hinter einer Morgenzeitung. Wir hörten eine Klingel aus der Empfangshalle. Offenbar waren neue Gäste angekommen.
Eileen verabredete sich mit den beiden Dänen zu einem Golfspiel, und ich beschloß, einen Spaziergang durch den anderen Teil des Gartens zu machen.
Der Weg führte zwischen Eibenbüschen, die auf französische Art gestutzt waren, hindurch in ein Arboretum mit den verschiedensten Arten von Bäumen: Eschen, mehreren Sorten Ahorn und Eiche, mehrere Gruppen mit Rotbuchen, und weiter hinten ein dichtes Gebüsch, durch das ein schmaler, wenig gepflegter Weg führte. Ich folgte ihm und gelangte zu einem mit Efeu überwachsenem Gebäude, das mit einer rostigen Eisentür verschlossen war. Es erinnerte mich in seiner Architektur ein wenig an die kleinen Mausoleen auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris, der, anders als die Friedhöfe in Deutschland, die eher parkähnlich gestaltet sind, wie eine kleine ausgestorbene Stadt aussieht.
Zwar war die Tür verschlossen, aber die Verriegelung war so verrostet, daß sie schon beim leichtesten Druck zerbröselte. So gelangte ich ohne Mühe in das Innere der Gruft. Dichte Spinnweben durchzogen das Gemäuer, was darauf hinwies, daß für lange Zeit kein menschliches Wesen diesen Raum betreten hatte. In der Mitte des Gebäudes standen zwei wuchtige steinerne Sarkophage. Einer mir nicht vertrauten Sitte gemäß lagen auf ihnen Skulpturen, die wohl diejenigen darstellten, die in den Steinbehältern versiegelt waren: ein Mann und eine Frau. Der Mann hatte eine füllige Gestalt, während die Frau schmal und zierlich war. Als ich den Staub aus den Fugen pustete, entstand eine dicke Wolke, deren Bestandteile in den Spinnweben hängenblieben. Ich bedauerte, keine Taschenlampe bei mir zu haben, denn, nachdem ich mein Feuerzeug angezündet hatte, wurde die Flamme so heiß, daß ich mir fast die Finger verbrannte. Das einzige, was ich im spärlichen Licht erkannte, war die Gravur des Namens MacDowell. Das war nun wenig verwunderlich, denn schließlich befand ich mich auf dem Grundstück, das früher diesem Clan gehört hatte. Merkwürdig war nur, daß vor mir offenbar für lange Zeit kein anderer Mensch hier gewesen war.
Ich ging wieder ins Freie. Nicht, daß ich Furcht verspüre, wenn ich eine Gruft betrete, aber diese Stätte strahlte etwas Unangenehmes aus, ohne daß ich hätte sagen können, was die Ursache dafür war. Das frische Grün der Bäume und des Efeus, der sich an dem Gebäude emporleckte, erschien mir erquicklicher als das Düstere dieser Gruft. Ich verließ den Pfad und zog es vor, die gepflegten Wege entlangzuschreiten, die mich nach einiger Zeit wieder zum Gasthaus, sprich, in die Nähe des Kastells geleiteten.
Eileen spielte offenbar noch Golf und genoß hoffentlich ihren Sport. Der Professor saß immer noch im Aufenthaltsraum, in die Lektüre seiner Zeitung vertieft, aber als ich ihn ansprach, blickte er mit einer gnädig zu nennenden Miene auf.
"Haben Sie schon die Gruft der MacDowells gesehen?" fragte ich ihn.
"Es gibt keine Gruft der MacDowells," gab er mürrisch zur Antwort.
Ich berichtete ihm von meinem Fund, aber er verkroch sich hinter seiner Zeitung wie ein schüchternes Kind hinter dem Bein seiner Mutter. Am liebsten hätte ich ihm diese blöde Zeitung vor der Nase weggerissen, aber ich wußte mich zu beherrschen.
Eileen war noch nicht da, der Professor, der gestern noch mit Worten geglänzt hatte, blieb stumm, und so blieb mir nichts anderes übrig, als die Zeit mit Warten zu verbringen.
"Um zu warten," dachte ich, " hätte ich nicht verreisen müssen. Ich warte auf Ämtern, auf Busse und schönes Wetter. Warum, um Himmels willen, bin ich überhaupt hier?" Ich fühlte mich elend wie ein Lamm, das sich, fern von seiner Mutter, auf einer fremden Wiese verlaufen hat.
Zum Abendbrot kam Eileen zurück und mit ihr die beiden Dänen und der Amerikaner. Zu essen gab es einen Brei, der nach zerkautem Papier schmeckte.
"Du," sagte Eileen, "wir hatten ein schönes Spiel."
"Und was ist mit deinen Kopfschmerzen?" fragte ich.
"Alles weg," sagte sie. "Das kommt von der Bewegung an der frischen Luft."
Als ich ihr von meiner Entdeckung berichtete, ließ sie mich spüren, daß sie alles, was ich sagte, als unwichtig empfand. Wir redeten aneinander vorbei, so als ob wir Bewohner verschiedener Planeten wären. Auch alles, was sie sagte, weckte nicht meine Aufmerksamkeit - welcher Ball wann wohin geflogen oder gerollt war. Wir waren uns an diesem Abend fremd wie zwei weit entfernte Sterne, zwischen die sich ein undurchdringlicher Himmelskörper geschoben hatte.
Als wir dann zur Nacht nebeneinander im Bett lagen, behauptete sie, schrecklich müde zu sein. Meinen Kuß erwiderte sie höflich, und als ich sie fragte, was zwischen uns getreten wäre, zuckte sie nur wortlos mit den Schultern, legte sich aus die Seite und tat so, als schliefe sie bald ein. An den Rührungen ihres Körpers spürte ich, daß sie mir ihre Schläfrigkeit nur vorspielte.
Bald, nachdem ich glaubte, eingeschlafen zu sein, hörte ich einen Gesang mit den Worten:
"Keith MacDowell, what hast thou done?
Thou wast the most grumbly man under the sun.
Thou killèd thy bride, and then thou killèd me.
If I had a spell, I would cast it 'pon thee."
"Hast du das gehört?" fragte Eileen.
"Ja," antwortete ich und wollte gerade die Nachttischlampe anmachen, als ich einen schwachen Lichtschimmer in der Nähe der Tür gewahrte.
"So ähnlich war das neulich auch," flüsterte Eileen.
Und wieder ertönte der Vers in dem altertümlichen Englisch, der auf deutsch etwa so heißt: "Keith MacDowell, was hast du getan? Du warst der unheimlichste Mann unter der Sonne. Du tötetest deine Braut, und dann tötetest du mich. Hätte ich einen Zauber, würde ich ihn über dich verhängen."
Der Lichtschimmer verdichtete sich und zeigte die Umrisse einer menschlichen Gestalt.
"So also," dachte ich, "sieht ein Gespenst aus." Ich hatte schon öfter von Gespenstern gehört, aber wie jeder zivilisierte Mensch an ihrer Existenz gezweifelt. Ich hatte einmal die Geschichte "das Gespenst von Canterville" von Oscar Wilde gelesen, in der ein ruheloser Geist durch die Liebe eines Mädchens erlöst wird. Doch im Gegensatz zu dem Gespenst in dieser ausgedachten Geschichte rasselte die Geistererscheinung in unserem Zimmer nicht mit Ketten und trug auch ihren Kopf nicht unter dem Arm, und das einzige, was sie uns mitzuteilen hatte, war dieser altertümliche Vers.
Eileen allerdings, die ihre Fassung schnell wiedergefunden hatte, wahrscheinlich erleichtert darüber, daß sie keine Schlafwandlerin war, fragte die Gestalt nach ihrem Namen.
"Gwendolyn, " sang es leise aus der Richtung des Lichtes, das wieder zu verblassen begann.
"Erzähl uns deine Geschichte," bat Eileen.
"In der Bibliothek..." tönte er erlöschend. Auf Englisch heißt das: "In the library..." Und der letzte Ton verhallte wie ein fernes Pfeifen. Kurz darauf war die Erscheinung verschwunden.
"Sind wir wach?" fragte ich Eileen.
"Ich bin nicht ganz sicher," antwortete sie und bat mich, die Lampe anzuknipsen. Als das Licht brannte, hatte ich das Gefühl, soeben unter einem Wahngebilde gelitten zu haben. Aber Eileen war mein Zeuge.
Sie stand auf, ging zur Tür und sagte: "Die Tür ist abgeschlossen. Was wir eben gesehen haben, war also wirklich ein Geist."
Dann kam sie zurück ins Bett und sagte: "Es tut mir leid, daß ich heute so garstig gewesen bin." Die Geistererscheinung hatte bewirkt, daß wir wieder zu einer Verständigung geführt wurden.
Am nächsten Tag erkundigte ich mich nach dem Frühstück bei dem hageren Empfangschef nach der Bibliothek.
"Woher wissen Sie von unserer Bibliothek?" fragte er verwundert.
"Ich weiß doch, daß es in jedem vernünftigen Kastell eine Bibliothek gibt, in der man etwas Genaues über die Geschichte der Bauherren erfahren kann."
Er glaubte mir und führte mich in einen Teil der Burg, der nicht mehr zum Hotel gehörte und deshalb auch nicht so gepflegt aussah. Es ging eine schmale Wendeltreppe hinauf in ein höheres Stockwerk, wo ein langer, etwas düsterer Gang zu einer Reihe von Türen führte. Vor einer der Türen blieb er stehen und sagte: "Die Bibliothek. Ich hoffe, Sie finden alleine zurück, denn ich muß zurück an meine Arbeit." Ich bedankte mich und trat ein.
Der Raum, beleuchtet durch das Tageslicht, das durch zwei hohe Fenster drang, war an allen frei gebliebenen Wänden von der Taillenhöhe bis an die Decke mit Büchern vollgestapelt. Ich hätte mehrere Leben nötig gehabt, um all diese Bücher zu lesen.
Eileen war wieder zum Golfspiel gegangen, und ich bedauerte, sie nicht um ihre Hilfe gebeten zu haben. Schließlich interessierte sie sich auch für das Schicksal dieser Gwendolyn, die, wenn man der Geistererscheinung glaubte, von einem gewissen Keith MacDowell umgebracht worden war.
Ich versuchte also allein mein Glück. Unterhalb der Regale befanden sich hölzerne Konsolen mit Schubfächern, von denen einige abgeschlossen waren. Andere wiederum waren mit Kerzen angefüllt, sodaß man, da es in diesem Teil des Kastells keine elektrische Stromversorgung gab, auch noch in der Dämmerung und bei Nacht lesen konnte. In einem der offenen Schubfächer befand sich eine Sammlung von Tabakspfeifen, in einem anderen ein Sortiment von Sichtgläsern - Vergrößerungs- und Verkleinerungslinsen - und in einem weiteren Papier und Schreibzeug, an dem vor langer Zeit vertrocknete Tinte klebte.
Zunächst mußte ich mir eine Übersicht verschaffen, nach welchem System die Bücher geordnet waren. Es genügte eine kurze Zeit um festzustellen, daß eine alphabetische Reihenfolge nicht eingehalten worden war. Also mußte es, wenn die Bücher nicht wahllos verteilt waren, eine thematische Gliederung geben.
Ich fand heraus, daß auf der Türseite die lexikalischen Werke standen, wie zum Beispiel eine sehr alte Ausgabe der "Encyclopaedia Britannica".
In der Mitte des Raumes stand ein wuchtiger Tisch, auf dem lange nicht mehr der Staub weggewischt worden war. Aber das störte mich nicht; auch nicht, daß der Sessel, der neben dem Tisch stand, schon ein wenig durchgesessen war. Ich ließ mich von meinem Ziel ablenken, setzte mich und blätterte in einem alten Atlas, in dem heutzutage bereits zersiedeltes Gebiet noch Terra Incognita - unbekanntes Land - hieß.
Auf diese Weise träumte ich mich in eine andere Zeit hinein, in der es noch keine asphaltierten Straßen gab, wo Nachrichten nicht mit Blitzesschnelle um die Erde gingen, sondern von reitenden Boten verbreitet wurden. Wenn so ein reitender Bote sein Ziel nicht erreichte, aus welchem Grund auch immer, konnte es geschehen, daß eine Nachricht den Empfänger nie erreichte. Und dennoch drehte sich die Erde weiter, wurden Kinder geboren, Tiere geschlachtet, Wälder gerodet und Häuser gebaut. Es gibt Menschen, die glauben, am Leben nicht teilzunehmen, wenn sie nicht die neueste Zeitung gelesen haben.. Sie fürchten, "nein" auf die Frage antworten zu müssen, ob sie nicht diese oder jene Kunde von einem angeblich wichtigen Ereignis erfahren haben. Sie brauchen ihren eigenen spöttischen Blick, mit dem sie ihr "das weiß ich schon längst" unterstreichen können.
In der Zeit der Terra Incognita durfte noch schamlos gestaunt werden; aber damals gehörte ein Mensch von vierzig Jahren schon zum alten Eisen, und wenn er älter war, wurde er ein ehrbarer Greis genannt. Damals starb kaum ein Mensch an Krebs, sondern ging schon in jungen Jahren an Mangelkrankheiten zugrunde. Oder er wurde - wie Gwendolyn - bei lebendigem Leibe als Hexe verbrannt. Eine grausame Sitte in einer beschaulichen Zeit...
Ich schreckte hoch. Gwendolyn wurde als Hexe verbrannt? Woher wollte ich das denn wissen? In ihrem Vers hatte die Geistererscheinung nicht davon geredet.
Ich stand auf, stellte den Atlas wieder an seinen Platz und suchte weiter. In irgendeinem dieser Bücher mußte etwas über die hübsche Gwendolyn zu finden sein. Einige Bücher hatten kaum leserliche Beschriftungen auf ihren Rücken. Es schien mir aussichtslos, fündig werden zu können. Ich nahm wahllos mal das eine, mal das andere Buch aus einem der Regale und blätterte mehr oder weniger sinnlos in ihm herum, bis mir eine Reihe von Büchern auffiel, die in braunes Wildleder gebunden und von I bis XXVI numeriert waren: "The History of MacDowell House". Der letzte Band endete 1779 mit dem Tode von Keith MacDowell. War dieser der bewußte Mörder der schönen Gwendolyn? Wurden in dieser Zeit noch Hexen verbrannt oder hatte sich die Vernunft bereits durchgesetzt? Die Vernunft, die es verbietet, Hexen, aber erlaubt, Kinder zu verbrennen?
Der Keith MacDowell, von dem hier die Rede war, muß ein weitgereister Mann gewesen sein. Im Jahre 1718 geboren, befand er sich bereits in seinem neunzehnten Lebensjahr auf einer Reise nach Amerika, wo er später einen Teil des Familienkapitals in eine Holzfabrik investierte. Würde ein Kapitalist sinnlos seine eigenen Produkte verfeuern?
Ich suchte weiter und fand im Laufe meiner Suche mehrere MacDowells mit dem Namen Keith. Aber von keinem war die Rede, daß er eine gewisse Gwendolyn hatte verbrennen lassen. Offenbar durfte in der Familienchronik so etwas nicht erwähnt werden.
Wie hieß es in dem Vers des Gespenstes? "Du hast deine Braut getötet und dann mich." Das konnte ein Hinweis sein.
Es fing an zu dämmern, und ich erinnerte mich an die Kerzen in der Schublade. Auf dem Tisch stand ein Kandelaber für sieben Kerzen, den jüdischen Kerzenleuchtern nicht unähnlich. In diesen steckte ich die Kerzen und zündete sie an.
In gleicher Weise ging mir ein Licht auf. Der im Jahre 1472 geborene Keith MacDowell heiratete im Jahre 1492 die Ziehtochter seines Onkels Ronald, Gwyneth MacLean. Im gleichen Jahr wird ihr Tod beklagt, die Todesursache aber verschwiegen. Bereits im Jahre 1509 stirbt Keith kurz nach seinem siebenunddreißigsten Geburtstag. Sein jüngerer Bruder Arnold wird hingegen weit über achtzig Jahre alt, und in der Chronik wird die Ursache seines Ablebens, ein Tumor im Gehirn, und der Verlauf seiner Krankheit aufs Genaueste beschrieben.
Die Informationen über Keith waren äußerst spärlich. Daraus konnte ich schließen, daß er in der Familie keine bedeutende oder eine wenig ruhmreiche Rolle gespielt hatte.
Ich stellte das Buch in das Regal zurück, löschte die Kerzen bis auf eine, die ich in die Hand nahm, um mir den Weg zurück in den Gebäudeteil, der zum Hotel umgestaltet war, zu beleuchten.
Unterwegs bemerkte ich, daß ich vergessen hatte, zu Mittag zu essen. In mich hineinlächelnd stieg ich die Wendeltreppe hinab, bis auf einmal ein Windhauch, ein Luftzug meine Kerze ausblies. Fluchend tastete ich mich durch die Dunkelheit. Ich bin nie ein Freund von Wendeltreppen gewesen, und die Vorstellung, in völliger Finsternis eine Wendeltreppe hinabsteigen zu müssen, hätte Bestandteil eines Alptraums sein können. Nun hatte sich dieser böse Traum erfüllt, und mein hungriger Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen.
Die Treppe schien sich bis ins Unendliche zu dehnen, und was sich auf dem Herweg als bloßes Zwischenstück gezeigt hatte, erwies sich auf dem Rückweg als unüberbrückbares Hindernis. Ich hatte den Eindruck, nunmehr mehrere Stunden unterwegs zu sein, als ich endlich das Ende der Treppe erreichte. Aber ach! Ich stand vor einer Tür, die sich nicht öffnen ließ. Ich hämmerte mit meinen Fäusten dagegen und schrie aus Leibeskräften, bis ich heiser wurde, aber niemand hörte mich. Eileen mußte ihr Golfspiel längst beendet haben. An ihrer Stelle wäre ich zum Empfangschef gegangen und hätte gefragt, wo sich denn ihr Partner befände. Der hätte dann gesagt: "In der Bibliothek." Dann hätte ich mich dort hinführen oder mir den Weg beschreiben lassen und hätte verwundert festgestellt, daß die Tür zu der Treppe, die zur Bibliothek führt, verschlossen ist.
Daß und warum sich alles anders abgespielt hat, sollte ich erst später erfahren. Perlen aus Schweiß der Anstrengung und der Verzweiflung standen mir im Gesicht, als ich unerwartet Hilfe bekam. Als ich mich umwandte, um mich die gehaßte Wendeltreppe wieder hinaufzuquälen, bemerkte ich ein mattes Licht, das die Stufen beleuchtete. Je höher ich hinaufstieg, um so heller wurde es. Als ich oben ankam, stand, von einer Aureole aus Licht umgeben, Gwendolyns Geist.
"Keith MacDowell, what hast thou done?" begann sie ihre Klage und schwebte, ohne den Boden mit den Füßen zu berühren, in die Richtung der Bibliothek. Ich folgte ihr, und als wir dort angekommen waren, wies sie auf einen Folianten, der in Pergament gebunden war. Ich nahm ihn aus dem Regal und packte ihn auf den Tisch.
Mit den Worten "Woe is me and woe is thee. I took revenge on your family" verschwand sie, und es wurde wieder dunkel, aber nicht so dunkel wie auf der Treppe, denn der Mond, der inzwischen aufgegangen war, warf sein fahles Licht in den Raum.
Ich zündete die Kerzen wieder an und steckte mir diesmal sicherheitshalber die Streichhölzer in die Hosentasche. Dann setzte ich mich und schlug den Folianten, der außen nicht beschriftet war, auf. Es handelte sich um eine geheftete Sammlung von Gerichtsakten aus dem 15. Jahrhundert.
Mein Magen knurrte, aber ich fügte mich ins Unvermeidliche. Ich suchte recht lange, und erst kurz nachdem ich die Kerzen wieder ausgewechselt hatte, weil die alten niedergebrannt waren, fand ich die Akte Gwendolyn Myers.
In der Entzifferung alter, handgeschriebener Urkunden bin ich kein Meister, vor allem, wenn sie in einer Sprache abgefaßt sind, die mir wenig geläufig ist. Während ich das Dokument untersuchte, stieß ich einen stummen Dank an meinen Englischlehrer aus, der uns in der Schule mit der Lektüre von Shakespeare gequält hatte. Und ich bat ihn schweigend um Verzeihung, daß ich ihn damals insgeheim verflucht hatte. "So etwas Blödes! Warum soll ich eine Sprache lernen, die so tot ist wie ein verfallenes Gemäuer?"
Ich rief mir Hamlet und Macbeth ins Gedächtnis, Romeo and Juliet und King Lear.
Gwendolyn Myers war, wie ich vermutet hatte, wegen Hexerei und Giftmord angeklagt, gefoltert und auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe verbrannt worden. Ihr Opfer war die Gattin eben jenes Keith MacDowell, Gwyneth MacLean, später, das heißt, nur einen Tag lang, Gwyneth MacDowell. Gwendolyn war niederer Herkunft, soll aber durch Hexerei das Herz des ältesten Sohnes ihres Brotherren bezaubert haben. Die lang verabredete Vermählung mit Gwyneth, der Ziehtochter seines Onkels Ronald MacLean, konnte sie aber nicht verhindern.
"Wenn ich dich schon nicht gewinnen kann, sollst du mit der anderen auch nicht die Hochzeitsnacht vollziehen können," soll sie, seiner Aussage nach, gesagt und dann die junge Frau vergiftet haben. Wie sie das bewerkstelligt habe, wollten die Richter wissen. Durch Zauberei, ließ die Anklage vernehmen. Nicht ohne Grund, denn in ihrer Jugend hatte Gwendolyn von ihrer Mutter gelernt, wie man in der Natur Kräuter sammelt, mit denen man Menschen von kleinen Gebrechen heilen kann. Salbei und Huflattich für die Atemwege, Brennessel für die Leber und was es dergleichen noch gibt. Die MacDowells hingegen waren als gläubige Christen der Ansicht, daß allein Bußfertigkeit und regelmäßiger Besuch der Gottesdienste gegen Krankheiten wirksam wären.
Viele Jahre zuvor war Gwendolyns Vater bei dem Zwist zwischen den Clans MacDowell und MacKinloch ums Leben gekommen, und so wuchs Gwendolyn bei ihrer kräuterkundigen Mutter auf. Als ihre Mutter starb, war sie gerade siebzehn Jahre alt, und sie kam als Magd zu den MacDowells, die sie - so die Anklage - schmählich verraten hatte...
Zu den Urkunden in dem Folianten war eine Portraitzeichnung von Keith MacDowell geheftet. Trotz seiner zwanzig Jahre sah er wie ein verlebter, feister Mann aus, dessen Jugend nur seine trotzigen, aufgeworfenen Lippen verrieten. Möglicherweise hatte der unbekannte Zeichner auch noch ein geschmeicheltes Bildnis angefertigt.
Ich glaube, daß Gwendolyns Aussage der Wahrheit näherkam. Sie, hübsch und natürlich, kam auf die Burg eines Clans, der durch Inzucht solche abstoßenden Gestalten wie Keith MacDowell hervorgebracht hatte. Er wußte, daß er die schielende Gwyneth MacLean, die dürr und blaß und geistig nicht ganz intakt war, heiraten sollte. Außerdem war sie bereits fünfundzwanzig - für damalige Verhältnisse vergleichsweise alt. Er begehrte das junge Mädchen vom Lande, stellte ihm bei jeder Gelegenheit nach und bedrängte es.
"Du gehörst keinem Clan an," soll er gesagt haben, "deshalb darf ich dich nicht heiraten. Aber du kannst meine Geliebte werden. Gwyneth soll meine Frau werden, aber sie wird es nur auf dem Papier sein. Das Bett will ich für immer nur mit dir teilen."
Daraufhin soll sie ihm entgegnet haben: "Ich bin froh, daß ich nicht deine Frau werden kann. Und deine Geliebte will ich nicht werden."
Später, als die Hochzeit vorbereitet wurde, soll er, ihrer Aussage nach, zu ihr gekommen sein und gesagt haben: "Ich weiß, daß deine Mutter eine Kräuterhexe gewesen ist, von der du die Kunst gelernt hast, ein Schlafmittel zu bereiten. Nach der Hochzeit, wenn ich die Hochzeitsnacht vollziehen soll, will ich ihr ein Schlafmittel geben und Rotwein auf das Laken gießen, das ich dann meinen Verwandten zeige. Ich will mit Gwyneth nicht schlafen."
Als er sich weigerte, soll er sie geschlagen und ihr mit noch übleren Schlägen gedroht haben, wenn sie seinem Befehl nicht Folge leistete.
Sie braute einen Saft aus verschiedenen Kräutern zusammen und gab ihn ihm. Ich schätze, in dem Gemisch war auch der gefährliche Schierling dabei, den Sokrates trinken mußte, um sich umzubringen. In geringer Konzentration wirkt er nur lähmend. Deshalb warnte sie Keith, die Dosis genau einzuhalten.
Genau das tat er aber nicht. Nach der Hochzeit verabreichte er seinen Angetrauten das Vielfache der empfohlenen Menge, in dem Glauben, der Schlaf seiner Frau würde besonders tief werden.
Als Gwyneth eingeschlafen war, soll Keith Gwendolyn zu sich befohlen haben.
"Die Hochzeitsnacht will ich mit dir vollziehen," soll er geschrien und sich dann auf sie gestürzt haben. Wohl war er stärker als sie, sie aber wendiger als er, und so konnte sie entfliehen.
Sie verbarg sich dann bei Kostian, dem Schäfer, einem gutgläubigen, alten Mann. Er gewährte ihr Unterschlupf, bis die Kunde ins Land drang, daß Gwendolyn Gwyneth vergiftet haben sollte.
Seine Nachbarn hatten Gwendolyn bei ihm gesehen und sie an die Schergen von Keith MacDowell verraten, die sie auf die Burg zurückbrachten, wo sie dann vor Gericht gestellt wurde.
Die Richter hielten ihre Aussage für nicht unwahrscheinlich, aber auf den Befehl des alten MacDowell, dessen Berater gläubige Christen waren, die jede Art von Hexerei bekämpfen wollten, wurde Gwendolyn der Folter unterzogen, die damals als gebräuchliches Mittel zur Wahrheitsfindung verwendet wurde.
Gwendolyn, die die angedrohten Schläge von Keith MacDowell bereits so gefürchtet hatte, daß sie ihm das Schlafmittel bereitete, widerrief unter der Folter ihre Aussage und behauptete, eine Hexe zu sein, die Keith MacDowell verzaubert hätte, um sich in den Clan der MacDowell einzuschleichen.
Wie es nach der Hinrichtung von Gwendolyn mit Keith MacDowell weiterging, wurde aus den Gerichtsakten nicht ersichtlich. Aber durch einen Zufall entdeckte ich beim Zurückstellen des Folianten eine Mappe, die ich aus Versehen auf den Boden fallen ließ, wobei sich die einzelnen Blätter auf dem Fußboden verteilten. Beim Zusammensammeln entdeckte ich den Namen Keith MacDowell. Es war der Bericht des Hausarztes der MacDowells aus dem Jahre 1507. Zwischen allerlei lateinischen Gebetsformeln - der Arzt muß ein Gesundbeter gewesen sein - die englischen Sätze: "Der Erbfolger ist würdelos und jähzornig. Als ich ihm den Rat gab, das Vieh nicht mehr zu besteigen, zerschlug mir der Trunkenbold alle Flaschen mit wertvollen Tinkturen aus Neu-Indien."
Ich stellte die Mappe, in die ich die losen Blätter eingeordnet hatte, wieder in das Regal, setzte mich an den Tisch und schlief ein, den Oberkörper auf die Tischplatte gelegt.
Ich erwachte erst am frühen Abend, und zwar dadurch, daß Eileen ihre Hand auf meine Schulter legte.
"Bist du die ganze Nacht hier gewesen? Ich habe mir schreckliche Sorgen um dich gemacht. Wir haben schon die Polizei verständigt, die dich nun in der ganzen Gegend sucht."
"Wo ist denn die Wendeltreppe?" fragte ich.
Somit war die Geschichte abgeschlossen. Eileen und ich haben nicht geheiratet. Gwendolyn war zwischen uns getreten. Und - wer weiß? - vielleicht hätten Eileen und ich auch eine mißratene Hochzeitsnacht gehabt.
Erst als ich mehrmals die Kerzen gewechselt hatte, die Morgendämmerung hereinbrach und meine Augen vor Müdigkeit brannten, konnte ich mir ein Bild über die Vorkommnisse machen, die sich in diesem Schloß in dem Jahre ereignet hatten, als Columbus auf dem Seewege Indien erreichen wollte und ungewollt Amerika entdeckte und als Ferdinand und Isabella die Mauren und Juden aus Spanien vertrieben, womit sie ihrem Land einen Bärendienst erwiesen hatten.
"Ich habe Gwendolyns Geschichte herausgefunden," sagte ich.
"Wer ist Gwendolyn?" fragte Eileen.
"Du weißt doch, das Gespenst, das wir vorgestern Nacht gesehen haben," antwortete ich.
"Was redest du für ein dummes Zeug? Es gibt keine Gespenster. Komm lieber und zeig' dich, damit wir der Polizei sagen können, daß sie nicht mehr nach dir suchen muß."
Ich folgte Eileen, mich wie ein begossener Pudel fühlend.
"Hier ist keine Wendeltreppe," gab sie lachend zur Antwort. "Du bist wohl noch nicht so ganz wach."
Als wir in der Halle ankamen, stand hinter dem Schalter ein anderer Mann: ein dickbäuchiger Schotte, der sich für die Touristen die Nationaltracht, den Kilt, angezogen hatte. Bei meinem Erscheinen rief er gleich die Polizei an mit den Worten: "Der Vermißte ist in unserer Lesestube schlafend aufgefunden worden."