Fachausschuß Kultur der SPD Berlin

Protokoll vom 25.5.1999 (Auszug) zum Stadtschloß / Palast der Republik


Fachausschuß IV - Kultur, SPD - LV Berlin

Protokoll der Sitzung am 25.5.99, 19 Uhr im Abgeordnetenhaus von Berlin
Anwesend lt. Anwesenheitsliste
dazu eingeladen:
Lieselotte Schulz, Vorsitzende des Vereins zur Erhaltung des Palastes der Republik e.V.
Architekt Prof. Dr. Ing. Wolf R. Eisentraut

Sitzungsleitung: Mike Cullen (Vors.)

TOP 1: Zu diesem Thema "Palast der Republik contra Schloß" waren eingeladen Lieselotte Schulz, Vorsitzende des "Verein zur Erhaltung des Palastes der Republik e.V." und der Architekt Prof. Dr. Ing. Eisentraut, der am Bau des Palastes beteiligt war. Frau Schulz berichtet, der Palast der Republik (PdR) ist als Haus des Volkes im Grundbuch eingetragen, gehört der Stadt Berlin. So ist er auch im Einigungsvertrag übernommen worden. Der Grund und Boden gehört dem Bund. Dem Architekten Prof. Graffunder dienten Zeichnungsunterlagen von Schinkel, der seinerzeit auch ein Volkshaus plante, als Ideengrundlagen. Zu DDR-Zeiten war nicht genügend Geld vorhanden, um das gesamte Schloßareal zu bebauen.

Es wurde nicht auf den Fundamenten des Schlosses gebaut, sondern 7 m tief gegründet. Der Bau wurde mit modernster Technik ausgestattet, hat einen Theatersaal mit bis zu 5000 Plätzen. Bälle konnten in allen Etagen stattfinden, Theateraufführungen, wechselnde Ausstellungen.

Die Galerie im Foyer wurde inzwischen unter Schutz gestellt. 1/3 des Hauses wurde politisch genutzt, 2/3 kulturell. 70 Mio. wurden p.a. für Veranstaltungen ausgegeben. Sie wurden zur Hälfte durch die Einnahmen bezahlt, zur anderen Hälfte durch öffentliche Gelder, das Haus war vom Keller bis zum Dach mit dem Rollstuhl befahrbar. Solarenergie und Wärme aus dem Boden soll in Zukunft das Haus versorgen. Eine Schilderung des PdR sei im Internet zu finden im "Kultur-Netz" unter: http://www.kultur-netz.de/palast.htm.

Prof. Eisentraut stellt sich als Freund bzw. Sympathisant des Vereins vor. Er war als engster Mitarbeiter von Prof. Graffunder vier Jahre für den Palast tätig. Für ihn stellt sich die Frage: Wie geht man mit dem Zentrum der Stadt um. Wenn man den Palast verkommen läßt, wird sein Umfeld entwertet. Mit dem PdR wurde eine symbolische Demokratie dargestellt. 2-3 Wochen im Jahr gab es nur politische Veranstaltungen. Bei Parteitagen war er ganz geschlossen, bei Volkskammersitzungen teilweise. Ansonsten war er Volks-, Kultur-, Veranstaltungshaus, das von 9-22 Uhr geöffnet war. Im Foyer war man mitten in der Stadt. Der Eingang des Foyers war die verlängerte Achse von "Unter den Linden", der Volkskammersaal war auch Kongreßsaal für politische Manifestationen, Gewerkschaften etc., der verwandelbare Saal war Streitpunkt der Architekten: Guckkasten oder Rundumtheater, das richtungsneutral ist und alternative Bespielbarkeit ermöglicht, Bühnenbildner könnten mit Letzterem nichts anfangen.

Zielgruppe für den PdR waren auch Nicht-Berliner. Der Abriß des Berliner Schlosses war Demonstration politischer Macht. Man wollte den Platz anders nutzen. In der Übergangszeit von Ulbricht zu Honecker war der Platz nicht besetzt. Ursprünglich, 5 Jahre früher, waren Lomonossow-Bauten ("Zuckerbäckerei"-Architektur Moskau) vorgesehen. Dann entschied man sich für einen schlichten Bau mit Traufhöhe des Marstalls.

Durch die Asbestbeseitigung sei bisher nichts verloren, selbst wenn nur das Gerippe bliebe, wären das 50% des Bauwertes. Ein Schloßnachbau wäre eine Fälschung und würde das Original entwerten. Prof. Eisentraut ist gegen den Abriß des Palastes (Baujahr 1976). Er hat Entwürfe, die ihn integrieren. M. Cullen kannte Prof. Graffunder. Dieser hätte nicht genau gewußt, warum er den PdR bauen sollte. Da es in Ostberlin kaum Gaststätten gegeben habe sprach die zu erwartende große Besucherzahl dafür. M. Cullen ist gegen Abriß des PdR und gegen Schloßaufbau. Die vorzusehende Nutzung sei der Schlüssel zur Lösung. Er habe seine Vorstellungen bereits 1997 und 1998 in einem offenen Brief formuliert (auch zu finden im Internet im "Kultur-Netz"). Er spricht sich erneut für den Neubau einer Staatsbibliothek aus, die die Häuser I und II aufnehmen könnte. Es könnte ein Haus der Wissenschaft und Forschung werden, das rund um die Uhr geöffnet ist. Man sollte sich aber Zeit lassen und gut überlegen, ein Neubau sollte die Kubatur des PdR und des Schlosses aufnehmen.

Holger Münzer meint, ein neu zu bauendes Schloß hätte heutzutage Nutzungsprobleme. Heute brauche man ein Haus mit der größtmöglichen Kommunikation. Er fragt, ob denn besonders die Innenarchitektur des PdR erhaltenswert wäre.
Im Laufe der Diskussion kommen viele Denkanstöße zur Nutzung des zu bebauenden Areals: Zusammenlegung von Stadtbibliothek und AGB mit Videoräumen etc., wissenschaftliches und/oder europäisches Zentrum, "Haus Vaterland" zur Präsentierung der Eigenarten der einzelnen Bundesländer. Prof. Eisentraut sieht die unvollendete Museumsinsel und das Schloßareal als Einheit, als Kulturzentrum, in das man nach Lust und Neigung hinein- und wieder hinausgehen kann, in dem es neben geschlossenen Veranstaltungen Läden und Restaurants gibt, rund um die Uhr geöffnet. Die Kubatur von Schloß und PdR als Vorgabe widerspricht seiner künstlerischen Auffassung. Er ist auch gegen den Wiederaufbau der Innenarchitektur des PdR. Man müsse alle Tabus brechen und neue Ideen entwickeln.

Als Fazit der Diskussion, die einen Schloßneubau ablehnt, wird der Vorstand beauftragt, die Beschlußlage des Fachausschusses auszuformulieren, der Folgendes beinhalten sollte:

Das gesamte Areal des ehemaligen Berliner Schlosses muß neu geplant werden unter Einbeziehung des Gebäudes des Palastes der Republik. Der Neubau des Schlosses wird genauso abgelehnt wie der Abriß des Palastes der Republik. Der Aufruf zu einem Wettbewerb muß Vorgaben zur Nutzung des Areals bzw. der dort zu errichtenden Gebäude enthalten.
Die Funktionsbestimmung ist vorrangig und muß deshalb am Beginn der Ausschreibung stehen.

  1.  Funktionsbestimmung
  2.  Gestaltung des Schloßbezirks unter Einbeziehung des PdR.
(...) Protokoll: E. Kiele / Holger Münzer, Stellv. Vors.



Gehezu: vorige Seite | Aktuelles | Palast der Republik | Seitenübersicht | Kultur-Netz

Programmierung und Design: © Kultur-Netz-Service




































Sie sind Besucher