kulturspiegel 07/97

Die Zeitung für Kultur, Kunst und Veranstaltungen - Mecklenburg Vorpommern

Geschichten über Außenseiter
Trio Kornblum legt den Abend unters Kopfkissen
Spätestens seit ihrem Buch "Die Gemälde des Pankras Paul Kornblum", das der Rostocker Altstadtverlag 1996 herausbrachte, weiß man: Von Su Winter ist Außergewöhnliches zu erwarten. Mit ihrem neuen Programm "Den Abend unters Kopfkissen gelegt..." bleibt sie sich diesbezüglich treu. Das Trio Kornblum mit Su Winter, Gernot Reetz und Gordian bietet mit dem "Abend unterm Kopfkissen" vielleicht das Beste, was man bisher von ihm hörte. Su Winter liest Texte aus ihrem dritten, noch unveröffentlichten Buch "Lila November oder Die Schizophrenie der Mondkinder". Die Autorin verspricht Märchen für verträumte Außenseiter, kindgebliebene Erwachsene und kranke Manager.

Die Musiker Gernot Reetz (Piano, Keyboard) und Gordian (Schlagwerk) begleiten sie hauptsächlich mit leisen Tönen.

Leseprobe: "Die Spieler"

Als sie in der ganz eigenen Atmosphäre einer Novembernacht beieinandersaßen, Kerzenlicht malte warmen, gelblichen Schimmer auf ihre nackte Haut, da hatte Ari zu Ron gesagt: "Ich schenke dir mein Herz, Lieber!"

Ron hatte ohne Umstände zu einem Messer gegriffen und Ari zugleich das zuckende rote Herz aus der Brust gechnitten. Er pflanzte ihm dafür einen grünen, zweimal gerissenen Feldstein ein.

Das Herz lag auf dem Glastisch. Blut rann aus den großen, durchschnittenen Adern. Ron griff nach den Korken der geleerten Rotweinflaschen und verschloß die Aorta, Lungen-, Herz- und Hohlvene Dann senkte er das Herz in ein Kristallgefäß mit Spiritus, sah gebannt zu, wie es schlug und sagte: "Also das ist jetzt meines, Dankeschön! Ich werde es in Ehren halten und einmal wöchentlich Spiritus aufgießen.

Falls du es irgendwann wiederhaben willst, gebe ich es dir gern, allerdings nur im Tausch gegen ein anderes. Du mußt eben auch jemanden finden, der dir sein Herz schenkt. Das nimm und komm damit zu mir und schon hast du deines zurück." (...)

Zeichnung: Su Winter

"Aber ich werde es vermutlich überhaupt nicht zurücktauschen wollen. Ich lebe viel besser,seit ich sattdessen den blauen, neunzackigen Eiskristall trage. Ich leide um nichts. Ich bin fast immer gut drauf, außer, wenn ich sauer bin. Aber das lasse ich indessen an anderen aus und schlucke solchen Seelnkäse nicht mehr still in mich 'rein. Die neuerdings bei Wetterwechseln auftretende, kalte Wut ist garantiert ein geringeres Übel als zu lieben, eifersüchtig zu sein , mitfühlend und so ekelhaft warmherzig!" Ari schaute Ron bewundernd und dankbar an. Sein Liebster hatte ihm mit seiner eisherzigen Tat eine ganz neue Dimension erschlossen. Und jetzt geh, hol ein anderes Herz", befahl Ron. "ich schätze mal, es wird dir gelingen: Warme Herzen verschenken sich ziemlich leicht. Und am liebsten an kalte Typen!Ich weiß nicht warum, aber sie scheinen alle besonders wild drauf zu sein, daß man sie mies behandelt, auf ihnen 'rumtramelt und so. Dann fühlen sie doppelt heiß um einen!" (...)

Ron grinste und auch Ari lachte nun ein kaltes, steinernes Lachen. Dann trennten sie sich mit dem Versprechen, in einem Jahr wieder beeinander zu sein.


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